Schabloniaden

von Eva Biringer

11. Juni 2015. Allein aus einer Notsituation heraus reisende Frauen provozieren entweder Mitleid oder Bewunderung. Frauen in dieser Verfassung verlaufen sich bewusst oder nehmen den längeren, an der Küste entlang führenden Weg zum Ferienhaus. Diese Ferienhäuser sind spärlich möbliert und auf unbestimmte Zeit gemietet, die Frauen erwartet dort nichts außer bleierner Schlaf. Statt mit Fremden in schummrigen Bars, betrinken sie sich alleine zu Hause. Sie essen nichts oder trockenes Brot. Ihr Haarschnitt ist eng, mitunter untrennbar an eine männliche Anwesenheit geknüpft.

cover DerVulkanOder DieHeiligeIrene 180Herumirren

Dörte Lyssewskis Erzählungen zehren vom Elend solcher im Verschwinden begriffenen Frauen. Man könnte auch sagen: Es wird viel gejammert in "Der Vulkan oder die Heilige Irene", der ersten literarischen Arbeit der 1966 geborenen Autorin. Als Schauspielerin gehört sie zu den ganze Großen, Peter Stein engagierte sie an der Schaubühne, Matthias Hartmann in Bochum, sie war die Buhle im Salzburger Jedermann und die Véronique in der 2006 von Jürgen Gosch inszenierten Uraufführung von "Der Gott des Gemetzels". Seit 2009 gehört sie zum Ensemble des Wiener Burgtheaters. Für ihre darstellerischen Leistungen wurde sie unter anderem mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet.

Was ihr auf der Bühne zweifellos gelingt, vermag Lyssewski auf literarischem Terrain nicht zu leisten. Seltsam lebensfern wirken ihre Versuchsanordnungen: Schwester liebt Bruder, steigert sich bis zum Realitätsverlust in ihr Begehren hinein, droht an ihrer glühenden Leidenschaft zu zerbrechen. Begehren, zerbrechen, glühende Leidenschaft; mit solcherlei sprachlichem Werkzeug hantiert die Autorin bevorzugt. Vom Bruder hingegen ist im weiteren Verlauf der rund hundert Seiten langen Erzählung "Byblis" kaum noch die Rede, stattdessen viel vom Herumirren ihrer Protagonistin B. durch gespenstische Innenstädte und verwaiste orientalische Cafés. Vom Setting her erinnert das an die Kurzgeschichten Judith Hermanns, zumal auch dort viel resigniert wird. Mit dem Unterschied, dass die Hermann-Frauen einem nicht auf die Nerven fallen, sondern durch eine sparsam verwendete atmosphärische Ausgestaltung berühren. Solche Minimalpoesie ist bei Dörte Lyssewski nicht zu haben.

Unter Lawinen

Bei ihr sind selbst die Nebenfiguren von Schablonenexistenzhaftigkeit betroffen, es gibt hagere Pianisten, eitle Opernsänger und einen polnischen Import- und Exportbetreiber, "der sich gut als Hamlet gemacht hätte". Zwischen manch ungelenken Formulierungen lauern Widersprüche ("Der Wald ist schattig. Ein seltsam schattenloser Schatten.") und seltsame Neologismen ("Neuankömmlingin"). Und wie kann jemand gleichzeitig "schwerfällig" sein und "mit Vorfreude voraus hüpfen?"

Gefahr läuft der Leser auch, unter Adjektivlawinen begraben zu werden. "Ein letztes Paar betrat den Strand. Fragend, suchend, verunsichert, witternd, aufgeregt und unruhig warfen sie unbehagliche Blicke um sich." Der "lästige, unangenehme und überflüssige" Pullover wird nicht einfach ausgezogen, sondern mit einer "trotzigen, fahrigen, kleinen Bewegung". Drei dasselbe Wort meinende Synonyme sind aber in der Regel zwei zu viel. Davon abgesehen lassen sich uninspirierte Metaphern auch nicht durch Mehrfachverwendung aufpolieren. "Er nahm unvermittelt Anlauf, wie ein Amokläufer oder Selbstmörder, (...) wie ein Ertrinkender (...), wie ein Böcklin'scher Meeresgott (...), wie ein Verzweifelter."

Finis praecox auf Seite vier

Eine ernsthafte Bedrohung für das Nervenkostüm dieses Lesers ist die ständige Überartikulation. Es reicht nicht, irre zu sein, das "renitent" muss noch dazu. Abgesehen davon, dass die Autorin ihm damit jegliche Fantasie abspricht, bleibt keinerlei Raum für eine in den meisten Fällen die Literatur bereichernde Unsagbarkeit. Geheimnisse bekommen keine Chance zur Entfaltung, sondern werden auf Seite vier von fünfundzwanzig dreisätzig abgehandelt: "David war fort. Und würde nie wiederkommen. Und damit war klar, dass du nie Mutter sein würdest." Warum dann noch einundzwanzig Seiten weiterlesen?

Dabei gibt es sie doch, die schönen Einfälle. Für eine unfreiwillig Kinderlose sieht zum Trocknen aufgehängter Käse möglicherweise aus wie "Samenfädchen oder Fruchtwasserblasen". Stellenweiser Optimismus ("Das Unerwartete geschah. Die Fahrt war schön.") erfreut ebenso wie die vereinzelten surrealen Begebenheiten, Sexminiaturen mit Schiffspersonal, das Bacchanal am Höhlenhotelpool auf einer Mittelmeerinsel.

Auch die Schauspielerin Karen Köhler schreibt Kurzgeschichten über allein reisende Frauen. Mit dem Unterschied, dass die Protagonistinnen in ihrem ersten Buch "Wir haben Raketen geangelt" noch in ihren dunkelsten Momenten leuchten vor Lebendigkeit. Die B.s in "Der Vulkan oder die Heilige Irene" hingegen erzeugen Mitleid oder, schlimmer, Indifferenz. Ohne es zu wollen, sind einem diese Frauen manchmal egal.

 

Der Vulkan oder die Heilige Irene
von Dörte Lyssewski
Matthes & Seitz Berlin 2015, 188 Seiten, 19,90 Euro.

 

 

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