Im Bitterfelder Seelensumpf

von Theresa Luise Gindlstrasser

11. Juni 2015. Das Buch als Buch ist hübsch. Hat am Rücken einen Leinenstreifen, hat innen drinnen drei Schrifttypen. Das was typographisch nicht ins Auge fällt, ist die sich über weiteste Teile hinwegziehende Erzählung von Phillip Odetski. Das was Schreibmaschinenschrieb und von Fehlern und Verbesserungen durchzogen ist, das sind die Briefe seines Vaters Hermann F. Odetski an Margot Honecker. Eigentlich sollte der Sohn diese Briefe zur Post bringen und nach Chile senden lassen. Das tut er aber nicht. Sondern lässt irgendwann seine, Freundin wäre viel zu viel gesagt und Flamme wäre viel zu leidenschaftlich gesprochen, jedenfalls lässt er Nicole einen Antwortbrief erfinden. Das wäre dann der dritte Schrifttyp, der eine hübsche Handschrift imitieren mag.

Alle weg bis auf den "Asia-Döner"

In den Briefen schreibt der Vater nämlich über den Sohn. Dass der nichts mit sich anzufangen wisse, dass der doch endlich was aus seinem Leben machen solle, und wie er denn das anstellen könne, also das mit der Unterstützung seines Sohnes bei der Richtungsfindung. Gemeinsam leben sie in Bitterfeld inmitten von Ruinen. DDR kaputt, Menschen kaputt. Die Ehefrau, respektive Mutter, ist längst schon woanders, die Geschäfte stehen leer, aber es gibt etwas das heißt "Asia-Döner". Die Menschen haben keine Arbeit, haben vielleicht noch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und verharren in Tristesse.

Laucke mit sozialistischem Cover"Ich will um Himmels willen nicht ihre Einstellung dazu, was kaputt ist und was nicht, zerstören, aber hier haben die Dinge die Menschen in der Hand, die glauben, die Dinge in der Hand zu haben", sagt Phillip irgendwann. Und sagt es wirklich, wie er alles immer sagt, weil er stets die Lesenden adressiert, als wären sie schon Hörende geworden. Das ist besonders, das ist lebendig, das kommt von einem Theaterautor. Mit Phillip Odetski hat Dirk Laucke eine Figur geschrieben, die sich dauernd ins Wort fällt, sich selber kommentiert. Interessant ist das dann, wenn in dieser geschriebenen Sprechsprache das Verhältnis von Sprechen und Schreiben überhaupt thematisiert wird. Wenn beispielsweise in einer runden Klammer, dann noch eine eckige Klammer steht. Oder wenn eine Leerzeile nicht nur als typographische Erleichterung, sondern als rhythmische Ankündigung bis hin zu einer dramatischen Pause gezogen wird. Meistens jedoch verbreiten die Selbstkommentare lähmende Langeweile - "Ich weiß, es interessiert sie nicht" – oder kritische Koketterie – "Postmoderne Klammer auf: In diesem Fall eher nicht, albernes Stilmittel zu.".

Tja, das trägt wahrscheinlich zur Atmosphäre bei. DDR kaputt, Menschen kaputt. So depressiv, so vorhersehbar, so eindimensional ist "Mit sozialistischem Grusz" ein einfaches Ausbuchstabieren von Ostalgie. Phillip watet in seinem Seelensumpf, erwartet immer nur das Schlechteste. Seine langen Leidensmonologe und die in Andeutungen bestehenden Dialoge zwischen den Figuren lassen eine Bühnenversion des Textes erahnen. Im Theater wäre diese Figur nervig, in einem Buch ist sie schlecht aufgehoben, so ein Buch, das lässt sich so schnell aufgeben. Besonders drängend wird dieses Aufgeben in Anbetracht der aus einer unterkomplexen Männerphantasie entsprungenen Figur Nicole. Die sagt doch wirklich Sätze wie: "Du denkst zu viel" und raucht und trinkt und lacht und schüttelt ihre Harre hinter sich. Ist also ein Ausbuchstabieren vom Hollywood-Klischee einer mysteriösen und deswegen so dermaßen herausfordernden Frau.

Endlich Berlin! Aber der Regen...

Aber Phillip ist nicht nur nervig, ist auch noch sowas ähnliches wie klug. Gewitzt, wahrscheinlich, gewitzt ist er. Alle diese Sümpfe werden kommentiert. Sogar über das Verhältnis von Hollywood-Klischee und sogenannter Wirklichkeit wird sinniert. Wird also alles aufgehoben im Gerede einer Figur die bei aller Depression dann doch ganz große Weltweisheit mit sich herum spazieren trägt. Am Ende gibt es ein Unwetter, das treibt die Handlung voran. Weil nämlich nicht nur der Gang der Geschichte, in diesem Fall der Niedergang der DDR, sondern vor allem die Naturgewalt, die Menschen in der Hand hat, und nicht umgekehrt. Und während es regnet, realisiert Phillip: er ist eingeladen zur Aufnahmeprüfung. Endlich Kunststudium. Endlich Berlin. Also läuft er zum Bahnhof, dort fährt aber nichts, nur überall Hochwasser. Natürlich kommt er nicht weg, watet weiter im Sumpf. "(Kitschig, was?)"

 

Mit sozialistischem Grusz
von Dirk Laucke
Rowohlt 2015, 208 Seiten, 10,99 Euro.

 

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