Operndolmuş on tour

Ab 1. Juni 2016. Der Operndolmuş geht auf Tour. Das mobile Kleinbus-Musiktheater der Komischen Oper, bestehend aus zwei Sänger*innen, drei Musiker*innen und einem/r Moderator*in, schwärmt seit 2012 in die Berliner Kieze aus, dorthin, wo – so die Selbstbeschreibung – "besonders viele Bürger_innen unterschiedlicher kultureller Herkunft leben". Seit dem 29. Mai ist der Operndolmuş nun unterwegs – auf Reisen entlang der sogenannten "Gastarbeiterroute", auf der die Arbeitsmigranten in den Sechziger Jahre gen ursprünglicher Heimat in den Urlaub fuhren. Es geht von Berlin über München, Wien, Belgrad und Sofia nach Istanbul, wo der Bus am 7. Juni ankommen soll. Im Gepäck: eine 45-minütige Revue quer durch die Geschichte des Musiktheaters. Mit an Bord: nachtkritik-Autorin Eva Biringer, die in Wien zugestiegen ist und deren Eindrücke von unterwegs dieses Liveblog füllen (sukzessive aktualisiert – letztes Update: 8. Juni 2016, 19:40 Uhr).

 

 In Istanbul

 

7. Juni 2016. Nach dem Abenteuer der Anreise (Straßen schmal wie Gözleme) nach Istanbul haben sich alle im coolen Stadtteil Beyoglu akklimatisiert. Bis uns morgens die Nachricht eines Anschlags mit mehreren Toten im Bezirk Vezneciler erreicht. Für die meisten ist der Terror zum ersten Mal so nah. Projektleiter Oli stellt einen Notfallplan auf: Nicht in die Altstadt gehen und Menschenansammlungen meiden. Wie sonst damit umgehen? Soll Dramaturgin Johanna in ihrer Begrüßung auf den Vorfall zu sprechen kommen? Das Goethe-Institut rät telefonisch ab. So schlimm das klinge, Terror gehöre hier in gewisser Weise zum Alltag. Das letzte bisschen gute Laune wird weggespült. Gab es seit Wien eigentlich einen Tag ohne Regen?

Schon um zwei Uhr fahren wir zur Abendvorstellung los, eine gute Idee angesichts der Tatsache, dass wir zweieinhalb Stunden brauchen, um auf die asiatische Seite zu kommen. Gegen die türkische Hauptstadt ist selbst Berlin ein Dorf. Nicht, dass wir dann am Ziel wären. Der Satz "Laut Navi muss das ganz in der Nähe sein" fällt ein wenig zu oft. Einen Parkplatz für den Dolmuş gibt es nicht. Also schnell den ganzen Krempel aus dem Anhänger und in ein Taxi laden. Ein wie Hühner aufgescheuchtes Ensemble, das Kontrabass, Kleiderstange und Wählscheibentelefon in einen Kofferraum quetscht und dann, nachdem es nur knapp dem Tod durch hupende Motorroller entgangen ist, durch die Fußgängerzone in ungewisse Richtungen rennt – kein Dramaturg hätte sich das besser ausdenken können.

 

Glücklicherweise hat sich die Anreise gelohnt, das Kulturzentrum Moda Sahnesi scheint die richtigen Anteile von Pop- und Hochkultur zu vereinen. Angeblich ist die Akustik im Saal, der eher eine Black Box ist, ganz schlecht, was ich nicht beurteilen kann. Für mich auch ein bisschen egal, denn Draußen ist das neue Drinnen: Weil die Leute so zahlreich kommen, muss ich vom Vorraum aus zuhören. Auch jenseits der Fensterscheibe ist die positive Stimmung zu spüren. Das türkische, von Sopranistin Julia vorgetragene Lied Daglar Daglar kommt hier natürlich super an. Zurück auf die europäische Seite geht es mit der Fähre. Im Vergleich zu unseren bisherigen Grenzüberschreitungsodysseen: ein Spaziergang.

 

 

Von Sofia nach Istanbul

 

6. Juni 2016. Was heute geschah: Der Abschied aus Sofia fällt leicht, es regnet. Zurück lassen wir Karin von Opernnetz, Gerd Brendel fährt weiter mit. Es ist die letzte Etappe der Gastarbeiterroute. Wie immer denkt man: War gerade so machbar, aber länger wäre auf keinen Fall gegangen. Und diese Strecke haben die "echten" Gastarbeiter in einem Rutsch durchgestanden? Der bulgarische Grenzbeamte ist der erste nicht-mürrische auf unserer Reise. Er lässt die Frauen, zwinker zwinker, nur gegen das Versprechen durch, wieder zu kommen. Während dieses Flirts mit der bulgarischen Staatsgewalt wird eine sechsköpfige, offenbar unterwegs aufgegriffene Flüchtlingsfamilie abgeführt. Der Kommentar des Projektleiters Mustafa:

Nach zehn Metern Niemandsland kommt die türkische Grenze. Erwartbare Ironie: Die wichtigste Station unserer Reise ist die am schwierigsten zu erreichende. Kein Land hat weniger Interesse an uns "Gastarbeitern". Glücklicherweise hat Mustafa sich kürzlich von seiner Wehrpflicht freigekauft und darf wie der Rest der Gruppe einreisen. Allerdings erst, nachdem Musikinstrumentenkoffer und Fahrzeuginnenleben gründlich inspiziert wurden. Wir wollen doch nur in Istanbul spielen! Maskenbildnerin Rebecca trägt die passende Botschaft auf ihrem T-Shirt. Busfahrer Otto motzt. Ankunft in Istanbul. Nach zehn Stunden Fahrt folgen weitere zwei durch Beyoglu, bis wir – mit Hilfe mehrerer Taxen – zum Hotel findet. Otto zaubert: Irgendwie bugsiert er Bus und Hänger und Insassen durch Straßen schmal wie eine Mondsichel. Was für 1 Busfahrer!

 

 

In Sofia

 

5. Juni 2016. Noch mal journalistische Verstärkung: Gerd Brendel von Deutschlandradio Kultur fährt von Sofia mit nach Istanbul. Weil das Hotel so toll ist, schwärmen alle von einem erholsamen Schlaf. Vormittags erkunden wir die Stadt. Für Verwunderung sorgen die angeblichen Reste einer antiken Mauer, die vor einigen Jahren beim U-Bahnbau ans Tageslicht gekommen sein sollen. Der Mörtel sieht verdächtig neu aus! Sofia ist aufgeräumter, beschaulicher als das wilde Belgrad. Manch einer fühlt sich an die Fußgängerzone einer deutschen Kleinstadt erinnert. Um 14 Uhr fahren wir zum ersten Spielort, dem Krasno Chitalishte, einer Perle der Sowjetarchitektur. Starkregen. Es wird gerade renoviert.So stellt sich der Nachgeborene auch die DDR vor. Wie sich herausstellt, werden in dem holzvertäfelten Saal, in dem gespielt wird, Trauungen abgehalten. Leider kommen sehr wenig Menschen zum 16-Uhr-Termin, aber jene, die da sind, zeigen sich sehr berührt. Die Sitznachbarin singt textsicher "Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück" mit und bekennt nach dem Schlussapplaus: "Mein Herz ist voll!"

Weiter geht es zum Red House, einem alternativen Kulturzentrum. Regenstopp, die Wartezeit vertreiben wir uns auf der Dachterrasse. Wie immer ist der Abendtermin besser besucht und die Stimmung ausgelassener. Der Leiter des Goethe-Instituts Enzio Wetzel ist anwesend und so begeistert, dass er verspricht, die Komische Oper wieder nach Sofia einzuladen. Das muss gefeiert werden – am besten bei jenem Teil des Ensembles, dessen Zimmer den besten Ausblick hat. Zimmer 803 it is.

 

 

 

Von Belgrad nach Sofia

 

 

 

4. Juni 2016. Was heute geschah: Nachdem es gestern "etwas später wurde" verbringen einige den Vormittag im Bett, andere spazieren noch mal durch Belgrad. Um 12 Abfahrt nach Sofia. Pressesprecherin Andrea Röber und Regisseurin Anisha Bondy verlassen uns; Anisha wird zur letzen Vorstellung wieder in Istanbul sein. Mittagspause mit Fleischplatten irgendwo in Bulgarien. Der Grenzübergang dauert wieder länger als erwartet. Am Ende waren es wieder beinahe neun Stunden Fahrt.

 

 

In Belgrad

 

3. Juni 2016: Was heute passiert ist: Bis zum frühen Nachmittag erkunden wir in Kleingruppen die Stadt. Die Burganlage ist Pflichtprogramm, danach geht ein jeder seinen Vorlieben nach (shoppen, schlafen, essen). Um 17 brechen wir gemeinsam zur ersten Spielstätte auf, dem CZKd. Die Reaktionen dort sind etwas verhalten, liegt es daran, dass so viele Journalisten im Publikum sitzen? A Propos: Heute ist die Kollegin Karin Coper von Opernnetz zu uns gestoßen, sie fährt allerdings nur mit bis Sofia. Vom CZKd aus geht es weiter zum KCGrad, dem bislang schönsten Ort unserer Tour (jedenfalls jenes Teils, bei dem ich dabei war), einem Kulturzentrum am Fluss. Eine Zeitzeugin erzählt, wie sie als "Gastarbeiterin" den umgekehrten Weg ging, von Freiburg aus, wo sie VWL studierte, in ihre Heimatstadt Belgrad. Dann stempelt sie uns den Weg nach Sofia frei.

 

 

 

Von Wien nach Belgrad

 

2. Juni 2016. Was heute passiert ist: Fahren. Fahren. Fahren! Beinahe elf Stunden hat die Fahrt von Wien nach Belgrad gedauert. "Wer bin ich?", Pantomime raten und ähnliche Spielereien ließen die Zeit nicht wie im Flug vergehen, aber vergehen. Gegen 21 Uhr Ankunft im schönen Teil der serbischen Hauptstadt. Nicht nur die Kritikerin hat jetzt Lust auf ein alkoholisches Getränk. Das Bier ist für weniger als einen Euro zu haben. Blöd nur, dass keiner daran gedacht hat, Geld wechseln zu lassen.

 

 

Offenlegung: Die Kosten für die Fahrt und Unterbringung der Autorin Eva Biringer während der Reise sowie für ihren Rückflug nach Wien trug die Komische Oper Berlin.

Kommentar schreiben

Captcha
Aktualisieren