Aus purer Lust

von André Mumot

7. Juli 2016. Am Schluss des Vorworts steht das Datum. Juni 2015. Das ist, ganz lapidar, ein Abschied. Einen Monat später starb Dieter Kühn mit achtzig Jahren. Er hat, nach seiner über tausendseitigen Autobiographie "Das Magische Auge. Mein Lebensbuch", ganz am Ende noch diese wunderliche Ergänzung hinterhergeschoben. Er wusste dabei, dass ihm "der Verlag dieses Buch letztlich zum Geschenk gemacht" hat. "Spätvorstellung" heißt es. Und im Untertitel: "Mein Theaterbuch". Es stehen sechs seiner Stücke darin, die in dieser Form nie aufgeführt worden sind. Wird sich das ändern? Wohl nicht. Wird der Verlag das Buch oft verkaufen? Auch nicht sehr wahrscheinlich. Nein, es ist eben ein Geschenk.

Cover 180 Spaetvorstellung Dieter KuehnEin angemessen unzeitgemäßes Buch für einen ausdauernd emsigen Vergangenheitserforscher und Vergangenheitsübersetzer. Den größten Erfolg hat er immer dann gehabt, wenn er am weitesten zurückgewandert ist bei der Arbeit, bis ins Mittelalter. Man kommt bei solchen Anlässen zu oft ins weihevolle Raunen, aber seine Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen sind zurecht gefeiert worden. Zum wirklich erstaunlichen Ereignis wurden seine Neufassungen der Gedichte und Epen von Oswald von Wolkenstein, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach aber erst durch die ausgiebigen, romanhaften Einleitungsteile, in denen Kühn die fremde Ferne in saftiger Plastizität ausmalte, in Küchendufte aus dem 14. Jahrhundert tauchte, Wegstrecken abfuhr, Stoffbahnen betastete und daraus schreibend Kostüme entwarf, vor allem aber einen endlosen Vorrat biographischer Details in üppig ausgestattete Szenen verwandelte, in sein eigenes historisches Buchtheater.

Er hat dasselbe Verfahren auch an großen Gestalten der jüngeren Geschichte ausprobiert, unter anderem eine ausführliche Clara Schumann-Biografie vorgelegt, eine minutiöse Tiefenbohrung in die Sittengeschichte und den Kulturbetrieb des 19. Jahrhunderts. Dass er nebenbei, so hier und da, "aus purer Lust" Theatertexte geschrieben hat, ist nahezu unbemerkt geblieben. Ein Umstand, den Kühn am Ende eben doch noch mal korrigieren wollte.

Sprung- und Flugfiguren auf dem Trampolin 

Dabei stellt man als erstes fest: Er hat auch die aktuelle Entwicklung des Betriebs durchaus verfolgt. Im Vorwort schwärmt er von seinen Besuchen damals bei Grübers "Winterreise" im Berliner Olympiastadion und, erst kürzlich, von Stemanns "Nathan"-Deutung in Köln. Gleichzeitig schaut er mit Schwindelgefühlen dem Davontrudeln des alten Autorbegriffs hinterher. Besonders erschüttert ihn Thomas Oberenders Entscheidung, 2014 den klassischen Stückemarkt zu reformieren, an dem er selbst einmal teilgenommen hat. 1978 war das. Außerdem zitiert er staunend aus Ulf Schmidts nachtkritik-Essay "Warum Autoren am Theater nicht mehr gebraucht, Schreiber aber dringend benötigt werden".

Es ist wohl auch ein wenig Trotz im Spiel, wenn er bekennt, zwischen 2013 und 2014 einige seiner älteren und aktuelleren Stücke trotzdem noch einmal hervogekramt und für eine Buchfassung komplett bearbeitet zu haben, "im Bewusstsein, dass ich mit Well Made Plays keine Chance habe". Und "obwohl ich in dieser Zeit mehrfach realisieren musste, dass Theaterstücke weithin als Trampoline dienen, auf denen Regisseure und Regisseurinnen möglichst sensationelle Sprung- und Flugfiguren präsentieren."

Herrschaftskomödien

Und schaut man sie sich nun an, die sechs Stücke, ist zumindest klar: Große inszenatorische Sprünge sind hier tatsächlich nicht zu erwarten. Keine Überraschung freilich ist, dass die meisten von ihnen erneut Bruchstücke von Biografien enthalten und sich bedeutenden historischen Gestalten nähern, in diesem Fall berühmten Machthabern. In "Herbstmanöver" (die Urfassung wurde 1977 in Braunschweig uraufgeführt) träumt der entmachtete Kaiser Wilhelm II. im holländischen Exil von einer Rückkehr nach Berlin: "Na, ob Göring oder Hitler – mir ist schnurz, wer den Steigbügelhalter abgibt, Hauptsache, ich komme wieder nach oben!"

In "Zur Hölle mit Musolini" besucht eben jener Göring dann den Duce in Rom, ein politisches Gipfeltreffen, bei dem vor allem darüber diskutiert wird, welche Persönlichkeiten in der Hölle bzw. dem Himmel eines neu gestalteten "Danteums" untergebracht werden sollten. Dazwischen KZ-Berichte, Kunstraub, Nachrichten von der Abessinien-Front. Schließlich wird in "Märchenkönig, Spartheater" ausgerechnet Richard Wagner dazu angehalten, Ludwig II von seinen verschwenderischen Kunst- und Architekturplänen abzuhalten. Gemeint sind diese Stücke als aberwitzige Herrschaftskomödien, in denen sich auch die brutalen faschistischen Machthaber vor allem als lächerliche Popanze an die Ordensbrüste schlagen: "Also ich habe", sagt Mussolini, "beim Fi-, beim Vö-, beim Vö-, beim Fi- zuweilen die besten Einfälle. Aber kurz darauf sind die weg, wie fortgezaubert."

Krieg, Krieg, Krieg!

Es wird – wen wundert's? – viel soldatisch geschnarrt in den überausführlichen Dialogen. Auf beinahe jeder Seite platzt einem jene schnappatmige, klischeelastige deutsche Militärsprache entgegen, das verbale Hackenknallen und zackig-emotionslose Abkanzeln, das bei solchem Personal standardmäßig zu erwarten ist. Erkenntnisse, auch historische, fördert diese rhetorische Ungebrochenheit, das karikaturenhafte Ab- und Fortrücken jedoch kaum zu Tage.

Überzeugender fällt da schon "Krieg, Krieg, Krieg!" aus, eine breitflächige Collage aus Schlachtfeldzeugnissen und Reenactment-Praktiken: Veteranen stürmen schwer bewaffnet aus dem Nachbau eines Landungsbootes, spielen den D-Day nach und verkünden sinnloserweise: "Nie wieder soll sich Krieg wiederholen!" Außerdem wird mit Napoleon über Sinn und Zweck des Russlandfeldzugs debattiert. Und auch Albert Speer wird gerichtlich angehört: "Alles, was ich in meiner Position tun konnte, war, den Krieg zu verlängern. Was aus heutiger Sicht vielleicht sehr bedauerlich ist."

Akkuratesse der Prosawerke

Hier vielleicht noch am ehesten ließe sich ein zögerlicher Trampolinsprung wagen, da der Text ganz offen gestaltet ist, wenig Konkretes vorgibt. Kühns Theaterstücke sind, das wird schnell deutlich, mögliche Grundlagen für Erzählungen und wecken alsbald den Wunsch, der Autor hätte sie nicht in Dialogform ausgearbeitet, sondern mit seinen erzählerischen Details gefüllt, mit der sinnlichen Akkuratesse seiner Prosawerke. Denn leider täuscht die Selbstwahrnehmung des Autors ebenso wie die des Verlags, der in seinem Klappentext ebenfalls von Well Made Plays spricht, von "schlüssigen Plots" und "psychologisch profilierten Rollen".

Die vier zentralen Stücke des Bandes sind entschieden statische, satirisch zugespitzte historische Tableaus, in denen Figuren zwar realistisch auf- und abtreten, in denen sich aber nur minimale Handlungs- und keinerlei Spannungsbögen entwickeln. Reich an Bezügen sind die Texte, doch zugleich erstaunlich aufregungs- und harmlos. Wilhelm und Ludwig und der Duce sind entnervend ungefährliche Sprachmaschinen, geben gut recherchierte Anekdoten von sich und warten darauf, dass der große Erzähler sie von der ausgedachten Bühne zieht und in den größeren Zusammenhängen wieder absetzt, in denen sie zu Hause wären.

Es gibt, man darf sie nicht vergessen, auch noch zwei im Hier und Heute angesiedelte Solomonologe ("Roland dreht durch" und "Vilma pendelt") voller Handy-Telefonate und Milieuschilderungen. Im ersteren echauffiert sich ein arbeitsloser technischer Zeichner vorm Flaschenautomat über seinen sinnentleerten Alltag, im zweiten reflektiert eine Kostümbildnerin ihr unglückliches Liebesleben. Auch hier: zwei Kurzgeschichten in bemühter, milde amüsanter Rollenprosa, nichts, was auch nur ansatzweise durch eine Aufführung gewinnen würde.

Ermunterndes Vermächtnis

Vielleicht aber ist dieses letzte, dieses unmögliche Vermächtnis, dieses Trotz- und Geschenkbuch eines Autors gerade deshalb so rührend und für seine Bewunderer so aufschlussreich. Es ist ein bisschen wie mit den leeren Pfandflaschen, die der rasende Monolog-Roland einfach nicht in den Automaten bekommt. Kühns "Spätvorstellung" dokumentiert eine Liebe zum Theater, die keine rechte Form gefunden hat, aber eine umso eigensinnigere Leidenschaft.

Sie offenbart einen Autor, der nicht die Finger lassen kann von seinen großen Themen, der hineingreift in die Geschichte und aus Gestalten der Weltgeschichte Spielfiguren macht, sie entmachtet und bespöttelt – nicht in guten, aber in interessanten Stücken. Vor allem aber lässt er sich, so kurz vor Schluss, nicht entmutigen, nicht vom Theatertreffen, und von nachtkritik.de schon gar nicht. "Ich schaffe mir Freiräume, eröffne Spielräume. Ich setze frei, fühle mich frei", schrieb Dieter Kühn in seinem Vorwort. Vor ziemlich genau einem Jahr.

Dieter Kühn:
Spätvorstellung. Mein Theaterbuch
S. Fischer Verlag, 345 Seiten 22,90 Euro

 

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