Wir sind mitschuldig

von Georg Kasch

9. November 2016. Russland. Ungarn. Polen. Brasilien. Türkei. Jetzt die USA. (Von vielen asiatischen und afrikanischen Demokraturen zu schweigen.) Und dann? Österreich mit einem FPÖ-Präsidenten? Frankreich mit einer FN-Präsidentin? Und die AfD? Ich fühle mich umzingelt. Vermutlich ist jetzt die Zeit längst gekommen, die Couch zu verlassen, um was zu tun. Aber was genau? NGO? Partei? Klassenkampf? Vorschläge, anyone? 

Politisch aktiv sein – wie geht das?

Ich habe das Gefühl, dass meine Generation nie gelernt hat, was das heißt: politisch aktiv zu sein. Lief ja alles, irgendwie. Und nun? Lange hatte ich den Eindruck, dass es reicht, mit ein bisschen Konsum und gutem Willen die Welt zu verändern: Ökostrom, Biofleisch, Fair-Trade-Kaffee (um dann beim Klamottenkauf doch wieder bei H&M zu landen). Dazu ein paar Geldspenden und alte Klamotten für die Flüchtenden. In den letzten 15 Jahren war ich genau auf drei Demos (CSDs nicht mitgerechnet) – und kam mir auf zweien seltsam und deplatziert vor. Während der Weltwirschaftskrise hatte ich zudem den Eindruck, dass wir alle im selben Boot sitzen. Und dass die Politik schon die richtigen Lehren daraus ziehen würde.

Dabei ist schon davor die Schere ordentlich auseinandergegangen. Und dass wir, die meisten der halbprekären Kulturarbeiter, uns zwar im Zweifel nicht mit den Eliten identifizierten, half wenig dabei, als Eliten wahrgenommen zu werden – und vermutlich auch, welche zu sein. Wir sind überdurchschnittlich gebildet und verdienen in den meisten Fällen mehr als ein*e Supermarktkassierer*in. Wenn das nicht zum Leben reicht, ist ja der eigentliche Skandal, dass Supermarktkassierer*innen (und viele, viele weitere Menschen in ähnlichen Berufen) so entsetzlich wenig verdienen. Mal ehrlich: Können wir uns wirklich in einen Hartz-IV-Empfänger in Gera oder eine Arbeitslose in Bochum hineinversetzen?

Arroganz aus Versehen

Ich glaube, es gibt in den (geistigen) Eliten eine Arroganz aus Versehen, die mitschuld ist an dem, was in der Welt passiert. Weil wir, diese geistigen Eliten, im Grunde Globalisierungsgewinner sind. Wir sind es ja, die internationale Freundes- und Kollegenkreise haben, die fließend Englisch sprechen, um die Welt (easy)jetten, sich so weit selbst optimiert haben, dass wir auch mit unseren kreativen Jobs überleben können. Bei allem Weltblick geht uns manchmal die Nahsicht verloren, leben wir oft genug in Blasen, auf Facebook wie im echten Leben. Oder kennen Sie jemanden, der die AfD wählt? Und wenn ja, wie erfolgreich (im Sinne einer echten Auseinandersetzung) haben Sie mit ihm / ihr diskutiert?

Der Elite-Verdacht

Ich will nicht zurück zu einem Bitterfelder Weg oder zu einem intellektuellen Paternalismus, in dem die gebildete Linke den Arbeitern vorschreibt, was sie zu fordern und zu wollen hat (etwa Romain Rollands heute ziemlich gruselig erscheinendes Konzept eines Volkstheaters). Aber ich habe doch den Eindruck, dass wir uns wieder mehr füreinander interessieren müssen – klassenübergreifend. Eines der merkwürdigsten Phänomene ist doch, dass Institutionen, die mit Bürgerlichkeit in Verbindung gebracht werden – wie Theater, Oper, Tanz, wenn sie denn staatlich gefördert werden – immer weniger Rückhalt zu haben scheinen in der Gesellschaft. Und das nicht nur, weil es keine inhaltliche und ästhetische Anbindung mehr gibt (das war früher ja auch nicht so viel anders). Sondern weil diese Institutionen im Elite-Verdacht stehen. Ein Eliteverdacht, der Hillary Clinton (neben anderem) den Sieg bei der US-Wahl gekostet hat.

Und nun? Wie runter von der Couch? Wie – trotz der großen privaten Gemütlichkeit, trotz des arbeitsvollen Schreibtisches, trotz der vielen kleinen Freuden, die mich so wunderbar ablenken – aufbrechen? Die Frage ist ernst gemeint.

Kommentare  

#1 2016-11-09 12:35
Blog Verantwortung: Strich-Vorschlagmikel
Als erstes das Wort "Elite" streichen, mitsamt "Hochkultur" und "bürgerlich". Bürger sind Menschen, die hinter den Mauern einer Burg leben, die von Castorf (Symbolname) bespaßt werden. Übrigens: Clinton wie Trump sind beide Teil einer New Yorker "Elite".
#2 2016-11-09 12:39
Blog Verantwortung: auf keiner DemoCouch-Aufstand
Man bricht ja in diesen Dingen niemals von allein auf, sondern wird sozusagen aufgebrochen von den Verhältnissen. Mit und ohne Frage, ernst gemeint. - Ich kenne mindestens einen AfD-Wähler und ich kenne auch zwei Leute, die mich und meine Familie von dem Vorteil des Reichsbürgertums überzeugen wollten und auch Leute, die mir empfohlen haben bei einem bestimmten Verlag etwas einzureichen, weil sie vermuteten, dass ich dort im Lektorat Anklang finden würde- zumindest soviel, dass mir von dort, wenn schon überhaupt, nicht-automatisch geantwortet würde. Ich habe nicht mit ihnen diskutiert, sondern mich für ihre Empfehlungen bedankt und freundlich gesagt, dass sie mir entsprechendes, aussagekräftiges Material zukommen lassen können und ich mir das dann ansehe auf ihre persönliche Empfehlung hin und dann entscheiden werde, was ich mit meinem nächsten PA, bei der nächsten Wahl oder dem nächsten irgendwo einzureichenden Text machen werde. Ich bin übrigens wirklich für diese Art PERSÖNLICHE EINZELemmpfehlung dankbar, weil Werbung bei mir ganz schlecht zieht. Auch Parteienwerbung. Zwei haben dann nachgefragt ob ich überzeugt war von ihrer Empfehlung. Und ich habe ihnen gesagt, dass ich lieber doch kein Reichsbürger werden möchte, weil ich es mit dem alten Kaiserreich auch nicht so hätte. Weil sich darin ja die Wirtschaftsmacht entwickeln konnte, die schon in den ersten Weltkrieg führte und der wir deshalb die unsolide Weltausgangslage zu verdanken hatten, dass wir flugs in den 2. kamen. Dass ich anders als er keine Angst habe, dass eine Immobilienenteignung bevorstünde, weil das nicht mal die DDR mit der Bodenreform ganz geschafft hat und auch keine Angst davor habe, dass Syrer oder Iraker oder sonstwelche vor ihrer eigenen Heimat fliehenden Leute in meine Wohnung einquartiert werden, weil ich die zum größten Teil gewerblich nutze und sonst ja keine so große bräuchte. Und auch die Rbürgerschaft nicht genügend überzeugend finde, weil Bismarck die SV erfunden hat - Weil: die hat sich ja seither beachtlich geändert und nutzt beispielsweise meinen H4 empfangenen bzw. vor H4 in die soziale Illegalität abtauchenden Kindern heute ganz genau 0. Genauer gasagt: sogar unter 0. Der von Schröder gehätschelte Hartz war halt nicht Bismarck in seiner zweifelsohne innovativ wirksamen Güte... Ich fände das aber voll in Ordnung, wenn er, der mir gutmütig eine bürgerschaftliche Alternative Empfehlende, das alles anders sieht und deshalb Reichsbürger sein möchte und ich hab ihn genauso lieb wie früher auch und seine Gicht tut mir deshalb genauso leid wie mit ohne Reichsbürgerschaft. - Kurz: ich habe nicht mit ihm diskutiert und ihn ganz bestimmt nicht überzeugt - aber er ist seltsamerweise bis heute immer noch nicht wirklich Reichsbürger geworden. Und mit dem AfD Wähler mach ich das ganz genauso. Ich nehme ihn und seine Beweggründe zunächst einmal ernst und frage ruhig nach, woher die aus seiner persönlichen Lebenserfahrung geboren wurden. Da bin ich nun allerdings bei aller Freundlichkeit sehr gestrenge: ich lasse nur wirklich ganz persönliche Lebenserfahrung zu. Der wählt nun jedenfalls auch nicht mehr AfD und ich kann mir nicht erklären wie das kommt...
Und dann: Mit einer Beteiligung an 3 Demos liegen Sie, Herr Elite-(:))Kasch, ganz gut im Rennen - ich war auf KEINER. Nicht einer. Nicht einmal CSD und wissen Sie was? - Die haben auch ohne mich stattgefunden und sind auch ohne mich in die Zeitung gekommen!
#3 2016-11-09 16:41
Blog Verantwortung: irrwitzig Ulrich Heinse
"Arroganz aus Versehen" ist irrwitzig komisch, vor allem, weil die Formulierung selbst auch Arroganz verrät. Die - Ihr Begriff - Elite dünkt sich wertvoller, aber sie bedauert, dass sie es den "White Trash" hat spüren lassen - zu komisch. Und wieder zehn Wähler für die AfD ...
#4 2016-11-09 21:56
Blog Verantwortung: nicht mitschuldigmartin baucks
Lieber Herr Kasch,

ich bin fast zwanzig Jahre älter als sie und ich bin nicht mitschuldig. Ich habe mit ca. vierzig Jahren gelernt, dass wenn ich weiterhin politisch frei denken möchte, ich auf Anerkennung verzichten muss.
#5 2016-11-09 22:46
Blog Verantwortung: KomfortzoneOttomaxx
Vielen Dank, Herr Kasch, ich wüsste es nicht besser zu schreiben: die Verantwortung für die Entfremdung von großen Teilen unserer Gesellschaft fängt bei uns Privilegierten an. Wir sitzen politisch, wirtschaftlich und kulturell in solch einer Komfortzone, dass wir uns die (immer näher kommenden) Alternativen kaum vorstellen wollen. Auch mein Saldo bürgerlicher Pflichten ist negativ, auch ich ziehe einen genussvollen, sagen wir Falk Richter-Abend einer mühsamen lokalpolitischen Auseinandersetzung mit Links- oder Rechtsaußen vor. Und darf mich eben nicht wundern, wenn die Politik von jenen bestimmt wird. 1913?
#6 2016-11-09 23:18
Blog Verantwortung: politische BildungOlaf
Ich werde heute morgen nach zwei Stunden Schlaf wach und alle Befürchtungen ziehen sich für mich zu einem unvorstellbaren Ergebnis zusammen. Donald Trump wird US-Präsident, ein Schock. Ich will es gar nicht glauben, schalte noch einmal den Fernsehapparat ein und schaue auf die ausgezählten Wahlbezirke, Keine Chance für Hillary. Trump, der Bösewicht hat es geschafft, die Massen zu mobilisieren. Wer sind diese Massen, nur ungebildete weiße Männer? So einfach, glaube ich, ist das nicht. Aber, was sind die Folgen. Wenn Trump nur einige seiner Wahlversprechen erfüllt, sieht diese Welt ganz anders aus.
1. Europa muss allein für seine Verteidigung sorgen.
2. Das Krankensystem in den USA wird zurückgenommen.
3. Gleichgeschlechtliche Ehen werden nicht anerkannt.
4. Jeder Amerikaner hat das Recht eine Waffe zu tragen.
5. Die Steuern werden heruntergefahren.
6. Zu Mexiko wird eine Mauer errichtet, die keinen Menschen mehr durchlässt.
7. Moslems werden nicht in Amerika eingelassen.
8. Er will gute Beziehungen zu Putin aufbauen, der feiert den Sieg Trumps, zwei Despoten am den wichtigsten Machthebeln. Das kann schrecklich werden.
9. Er will den islamischen Staat in die Hölle bomben.
10. Er will die Zusagen zum Klimagipfel in Paris sofort zurücknehmen und aussteigen. Über Twitter liefert er regelmäßig Sätze, die die Fans beglücken. „Es ist wirklich kalt draußen“, schrieb Trump kürzlich. „Und das Wochen, bevor das normalerweise passiert. Mensch, wir könnten eine dicke fette Dosis Erderwärmung gebrauchen.“
11. Wozu haben wir Atomwaffen, wenn wir sie nicht nutzen, sinn gemäß Trump.
Dazu kommen seine Äußerungen zu Frauen, zu Minderheiten und zu Schwulen, die alle nicht politisch korrekt, sondern menschenverachtend sind.
Soweit dazu und zu den berechtigten Ängsten, die die Menschen haben, wenn dieser Mann die Geschicke eines der wichtigsten und mächtigsten Länder dieser Erde übernimmt. Dieser Mann ist ein Typ des modernen Tyrannen: kurzzeitige, schnelle Entscheidungen im Alleingang zu treffen, Opposition auszuschalten und mit populistischen Ideen gerade Menschen, die wenig Bildung haben, besorgte Bürger*innen für einfache Lösungen zu rekrutieren und gefügig zu machen.
Und da muss angesetzt werden, Bildung, politische Bildung gehört in unsere Schulen. Die jungen Generationen sensibilisieren, aufklären und selbst erfahren lassen, warum es gerade heute gilt, die Demokratie zu verteidigen, ist eine der wesentlichen Aufgaben. Es geht um die Auseinandersetzung der Kinder untereinander in einem so pluralistischen Schulsystem, wie wir es haben zwischen 100% deutsch und 98 % migrantisch. Hier muss man sich mit den Petris, den Erdogans, den Putins, den Trumps, den Orbans, den Le Pens auseinandersetzen. Die Kids müssen diskutieren und für Demokratie aufgeschlossen werden. Das geht, meine Erfahrung mit der U18 Wahl an meiner Schule.
#7 2016-11-09 23:18
Blog Verantwortung: Gespenst RechtsruckOlaf Ergänzung
Zurück zu den Reaktionen von heute zwischen Schock und Realpolitik:
Gysi: Das einzige was wir im Augenblick wirklich nicht unbedingt gebrauchen ist das Freihandelsabkommen TTIP, schon gar nicht so, wie es geplant ist. Damit kann ich ganz gut leben. Aber mit dem Rest kann ich schlecht leben.
Papst: Man werde die Regierung von Trump ins Gebet einschließen, damit „Gott ihn erleuchte“ und ihn beim Dienst für das Volk aber auch für den Weltfrieden unterstütze.
Außenminister Steinmeier gratuliert nicht, Merkel ist nüchtern, in dem, was sie sagt. Bei Putin und Le Pen knallen schon einmal ein paar „Korken“.
Es geht ein Gespenst um auf dieser Erde, das des Rechtsrucks, einhergehend mit einer vereinfachten Sicht, wie soll der Mensch leben: national, männlich, homophob, christlich oder islamisch, kurz gläubig. Das ist nicht meine Welt. Ich hoffe, Europa findet nun endliche seinen Weg aus der langen Tradition und seinen Erfahrungen, mit gleichberechtigten Nationen. Hoffnung geben uns neben den Kernstaaten der EU, wenn sie ihren demokratischen Idealen treu bleiben und endlich ökonomische Vormachtstellungen aufgeben, das Baltikum, auch das neue Luxemburg oder die Griechen.
In Deutschland müssen sich aus meiner Sicht die Parteien wieder in ihren politischen Leitideen voneinander unterscheiden. Einzig die CSU ist für mich, dass, was ich nicht will, aber die einen demokratischen Background hat. Alles andere ist leider austauschbar und macht die AfD stark. Die Linken sind eine Alternative für intellektuelle Denker, keineswegs für Arbeiter. Die SPD ist rechter als Merkels CDU. Die FDP verschwindet, liberale Größe hat sie nicht mehr. Mit Tegel kann man wirklich nicht punkten und Wähler gewinnen, auch wenn sie liberal sind, aber unter den Flugschneisen Tegels wohnen. Die CDU tanzt in der Mitte, liberal, sozial, christlich mit linkem, sozialdemokratischem und grünem Schmuckwerk, kurz eigentlich sympathisch. Merkel sitzt alles aus und ist am Ende immer auf der richtigen Seite. Dafür brüllen Woche für Woche sächsische Mehrheiten und andersdeutsche Minderheiten „Merkel muss weg!“ Bleiben die Grünen mit immer neuen Ideen, aber zu wenig Konstanz, die sie einmal in der Opposition hatten. Kretschmann könnte sogar mit der CDU Bundespräsident werden. Wie verrückt ist dieses Land? Ich will wieder eine Partei aus reinem Gewissen und wegen ihres Programms wählen können!
Amerika hat gewählt und ich bin traurig. Irgendwie gut an diesem Tag Pussy Riot zu Trump sinngemäß: Es ist wie in einem Gefängnis, in dem man lebt. Nun muss man sich einrichten und einen Weg finden.
Tun wir das und finden einen Ausweg. Schnell! Für Europa!
#8 2016-11-10 00:58
Blog Verantwortung: etwas zu rechnengrrlll
Ja, es ist wirklich erschreckend, wie der Artikel lediglich versucht, sich zu etwas zu rechnen. Aber "überdurchschnittlich gebildet" das müssten Sie erst einmal in einem nächsten Blog-Beitrag beweisen, Herr GK.
#9 2016-11-10 09:28
Blog Verantwortung: Leier der Rechtspopulisteneine Besucherin
Herr Kasch, merken Sie gar nicht, dass Sie der Leier der Rechtspopulisten auf den Leim gehen?? "Die Eliten, die abgehoben und weltfremd auf den kleinen Mann/die kleine Frau vergessen" ist der Wahlkampf- und Marketingschmäh der Rechtspopulisten. In jedem Land und in gleicher Weise. Vieles davon entstammt ja aus dem Goebbels-Katalog. Die Mobilisierung der Masse gegen das Gespenst von denen "dort oben". Ich kann nur für Ö sprechen - ich bin schon gespannt auf ihren Beitrag zu 12/5 ;-) - , einen dermaßen ausgebauten Sozialstaat und eine so große sozialdemokratische Konsenspolitik und -kultur zeigen Sie mir mal. Und? Strache und Hofer. Hofer konnte Wien nicht erobern im ersten Durchgang der Stichwahl. VdB lag vorne, auch in den "Randbezirken". Die Randbezirke, die auch in Wien von (Jugend)arbeitslosigkeit, mangelnden Chancen, vererbtem Leben von sozialer Unterstützung über Generationen, dennoch hohen Mieten und Abgrenzung gekennzeichnet sind. Die FPÖ reüssiert fast ausschließlich in ländlichen Gebieten und das, obwohl die ländliche Bevölkerung um ein vieles mehr in einer familiären Struktur eingebettet ist, als in der Stadt (man ist nicht allein, wenn's eng wird). Die Mieten sind exorbitant niederer, der familiäre Zusammenhalt größer und vor allem örtlich vorhanden, ein Alleinverdienerhaushalt ist möglich und gewünscht, die Lebenserhaltungskosten sehr gering (weil ja wenig Möglichkeiten zum Geld ausgeben bestehen) und das gesellschaftliche Klima konservativ bewahrend. Die Angst existiert als mögliche Bedrohung. Es ist die Angst vor dem Abstieg, nicht die Angst im Unten. Die viel beschworenen Abstiegsängste betreffen nicht die Ärmsten, wohin sollen die auch absteigen, sondern den Teil der Statussymbol-Gesellschaft, deren Identität sich zum großen Teil aus materiellem Zugewinn generiert. Wenn der persönliche Eigenwert und das Selbstbewusstsein damit verknüpft sind, wie viele repräsentative Güter ich mir leisten kann, dann wird eine fiktive Bedrohung dessen als existenzgefährdend empfunden. Kunst hat keinen Gebrauchswert und ist daher wertlos im materiellen Sinn und daher nicht von Belang. Die Armen in Amerika haben demokratisch gewählt. Der ältere weiße Mann der unteren Mittelschicht wählt Trump, weil Trump Millionär ist (oder es mal war, was geflissentlich vergessen wird) und Vorbild für den amerikanischen Traum. Viel mehr ist da leider nicht dahinter, finde ich.
#10 2016-11-10 10:10
Blog Verantwortung: Umgang mit der LeierGeorg Kasch
@ #9. Gut möglich, dass Sie recht haben. Auch wenn es mir schwer zu glauben, dass die abstiegsangstbesetzte Mittelschicht 50 Prozent der Wähler*innen ausmacht (wie das in Österreich der Fall zu sein scheint). Aber was resultiert daraus? Wie umgehen mit dieser abstiegsangstbesetzten konservativen Mittelschicht? Mit ihr reden? Sie über die ja eigentlich konservativen Parteien einzusammeln versuchen? Sie ignorieren und hoffen, dass sie irgendwann ausstirbt? Und bis dahin?
#11 2016-11-10 11:02
Blog Verantwortung: der mächtigste Mann der Weltirgendwashalt
Der ältere weiße Mann wählt Trump, weil der die Haare schön hat, sich täglich durch ungehobelt hervorgebrachte menschenverachtende Sätze entblödet und trotzdem jeden Tag in der Zeitung ist! - Da KANN nur die mächtigste Macht der Welt hinterstecken - das ist Beweis genug, um zu wissen, was man wählt! - Wer will schon Ohnmacht als Amerikaner? Wenn Amerika vielleicht nicht mehr ohne jeden Zweifel die mächtigste Weltmacht ist??
#12 2016-11-10 12:22
Blog Verantwortung: nur ein Beispielgehtimmernochmehr
#9 und 10: Ich würde einschätzen, dass es durchaus bei den Ärmsten eine starke Angst vor noch weiterem Abstieg ist. Einem Abstieg in die reglemierte Würdelosigkeit nämlich, der nicht gleichzusetzen ist mit Armut, sondern mit staatlich geförderter Diskriminierung von Armut. Mit Armut haben verarmte oder in sehr bescheidenen Verhältnissen lebende Menschen gelernt zu leben. Nicht mit den sozial sanktionierenden Eingriffen in ihre Fantasie, in ihre Begabungen, in ihre sozialen persönlichen Erfahrungen. Beispiel: es entwickeln sich heute durch den in zweiter Population gewohnten Umgang mit den digitalen Techniken für Arbeitsmarkt brauchbare Sklills privat. Das macht Ausbildungsberufe, auf die heute staatlicherseits noch immer sehr stolz als Erfindung geblickt wird, wie z.B. den des Mediengestalters Bild und Ton, zur Makulatur. Es gibt eine VIELZAHL von jungen arbeitsfähigen Menschen, die digital besser mit Ton und Bild Web-Seiten, Werbung für Dienstleistungen oder Produkte, selbst Filme usw. gestalten können, als ausgebildete Web-Designer das können. Sie werden wegen mangelnder Abschlüsse dennoch weder vom Arbeitsmarkt angefragt noch erhalten sie Angebote, sich entsprechend im Test bewähren zu dürfen. Voraussetzung dafür solche jungen Menschen zu unterstützen ist, dass in den Arbeitsämtern z.B. überhaupt verstanden werden kann, was die, wenn auch ohne Abschlüsse, können. Dafür sind die Mitarbeiter dort aber nicht qualifiziert genug. Man darf sich vorstellen, dass man, um einer H4-Sanktionierung zu entkommen, einem gutwilligen Abiturienten mit Machtbefugnis über den eigenen zugeteilten Unterhalt erklären muss, dass man ihn mit dem eigenen Wissen und Können auf ungefähr sechs Gebieten an die Wand spielen könnte, wenn man sehr unhöflich ist oder gezwungen wird, dies aus Selbsterhaltungstrieb zu tun - Und das Start Up ist durchaus nicht in jedem Fall die Lösung. Wenn man die Start Up- Erfolgsgeschichten sich genauer beguckt, stellt man nämöich regelmäßig fest, dass die erfolgreichen Start Ups immer genug Eigenkapital hatten, um sich OHNE vorherigen geistigem Offenbarungseid vor irgendeinem Amt oder staatlichen oder halbstaatlichen Geldgeber, gründen zu können. Weil Mami oder Papi schon das Geld vorstreckten, oder traditionell in der Familie Kohle da ist. Das Problem ist nämlich hier: wer sich hier gründet, braucht ungefähr 16 Stunden Bildschirm-Arbeit pro Tag und kann sich das Geld nicht zusammenkellnern, um sich dann irgendwann mal gründen zu können - deshalb sitzen solche jungen Menschen dann völlig entwürdigend beim Telefondienst von Sky oder hacken für Ebay in Nachtarbeit für fliegende Sub-Unternehmen Angebotstexte nach der Stoppuhr in Echt-Erscheinungszeit in die Rechner - während ihre weniger begabten Gleichaltrigen mit dem Gedanken spielen, nachdem sie nun schon auf Mietübernahme und Krankenkassenmitgliedschaft verzichtet haben und sich, wenns gar nicht anders geht, bei Papa ein halbes Brot holen, was reicht, um zu überleben, das Leben nehmen, wenn sie nur noch ein einziges Mal einem Idioten im H4-Amt erklären sollen, warum sie sich nicht bei Rossmann und acht anderen als Auspacker in auch nur Halbzeit bewerben können, wenn sie ein Start-Up gründen wollen, von dem allerdings von Amts wegen der Typ da gegenüber überzeugt ist, dass man dieses Sturt Up NICHT braucht... Das ist nur EIN Beispiel, und da sind wir bis zu den berechtigten Ängsten des Mittelstandes noch gar nicht vorgedrungen, nicht wahr...
#13 2016-11-10 13:18
Blog Verantwortung: glauben wolleneine Besucherin
Die FPÖ hatte immer schon einen großen Rückhalt in der Industrie. (nicht umsonst ist sie in der Landesregierung im Industrieland Oberösterreich) Sie ist keine linksgerichtete populistische Partei. Sie ist für einen schlanken Staat, eine Verringerung der Steuersätze, zwar auf beiden Seiten, Ek- und Kest, hat aber auch bei allen parlamentarischen Abstimmungen gegen eine Erhöhung jeglicher Sozialabgaben gestimmt. Niemand, der darüber nachdenkt, bezweifelt, dass die FPÖ eine neoliberale Partei ist. Im Standard.at wird gerade über Trumps Kabinett gemunkelt. Hoch im Kurs: Ein Ex- Goldman&Sachs-Banker (FM) und ein Mastermind des Irak-Krieges (Verteidungsminister). hahaha! Herr Kasch, ich finde man sollte nur eines bedenken und das ohne Wertung: ein doch nicht kleiner Teil der Bevölkerung weißt nicht, wie die Mechanismen des Staates funktionieren (Legislative, Exekutive, Gerichtsbarkeit, Gewaltenteilung, wie sich ein BIP zusammensetzt, welche Steuern es gibt, was Förderalismus ist, was der Staat von wem einnimmt und wem wieder zugute kommen lässt) noch was Sozialismus, soziale Marktwirtschaft, Neoliberalsimus, Sozialpartnerschaft, rechtskonservative oder linksliberale Politik oder umgekehrt ist, usw., und was die jeweiligen Entscheidungen für wen für Auswirkungen haben. Wenn ich in Amerika als armutsgefährdete Person Trump wähle, der als erstes Obama-Care wieder abschaffen will, dann KANN ich nicht wissen, was das bedeutet oder will es nicht wissen, gar nicht soweit denken. Trump hat gesagt: wir machen Amerika wieder groß. Das reicht. Man möchte dem Zauberer, dem Heilsbringer einfach glauben. Punkt. Was man dagegen machen kann? Nichts. Man kann Menschen nicht zum reflektieren, in Frage stellen, nachdenken zwingen oder noch einfacher: zum sich informieren zwingen. Es ist gar nicht im Sinn mancher Menschen, darüber nachzudenken, ob das überhaupt sein kann, was versprochen wird. Etwas in Frage zu stellen ist offensichtlich schon ein Privileg. (Ja es werden die Eliten in Frage gestellt, seit die Populisten sagen, sie müssen in Frage gestellt werden) Und nein: Bildung ist kein Kostenpunkt. Um etwas zu Neoliberalismus zu erfahren, braucht man nur zu googeln. Die Menschen WOLLEN nicht hinterfragen, sondern sie wollen glauben. Dem, der am lautesten schreit. Und dafür fühle ich mich NICHT schuldig. (Leider haben viele Menschen in GB erst nach ihrer Wahl FÜR BREXIT erst gegoogelt, was BREXIT überhaupt ist. Da war's halt dann zu spät...)
#14 2016-11-10 17:14
Blog Verantwortung: besser bildengehtimmernochmehr
Ja, das halte ich für eine vollkommen richtige Feststellung, der man wirklich dankbar sein kann, dass sie geäußert wird: Ein nicht geringer - ich würde sogar behaupten ein ziemlich großer - Teil der BevölkerungEN weiß schlichtweg nicht, wie die Mechanismen des Staates laut der jeweiligen VerfassungEN funktionieren. Deshalb können sie fehlerhaftes Funktionieren oder Zweckentfremdung von Etats nicht wirksam kritisieren. Nicht einmal durch Wahl. Diese Aufklärung über Funtionieren von Staat können aber nicht die Medien leisten. Weil sie selbst Unternehmen sind. Es ist Aufgabe der SCHULbildung, also Staatsaufgabe - nicht Ländersache! - das zu vermitteln in allen Grundstrukturen. Weil die Schüler noch bevor sie die Schulen verlassen oder kurz nachdem sie das getan haben, bereits Wähler sind. Denen Chancengleichheit als B ü r g e r eingeräumt sein muss, UNABHÄNGIG vom Bildungsstand ihres sozialen familiären Umfeldes. Diese Art ideologisch unabhängige, funktionale Bildung im Schulbereich ab etwa Klasse 5 sehe ich nicht gegeben. jedenfalls gaanz sicher nicht in Deutschland im Moment. Sie können lernen, dass die DDR eine Diktatur war und die Bundesrepublik ein demokratisches Wunder - aber wenn es konkret wird bezüglich des Wunders bis in sein Funktionieren und seine Instrumente, steigen die Lehrpläne und auch die Lehrer aus... Das hatte ja in den Jahren nach der Wende garantiert viele Vorteile. -
Ja, Menschen wollen glauben. Weil sie w i s s e n, dass ihnen auch Wissen fehlt und weil sie den Medien bei der Wissensvermittlung - und zu guten Teilen auch zurecht - misstrauen. Weil sie dahinter wirtschaftliche und politisch-ideologische Interessengelenktheit in verschiedener Beziehung vermutenahnenspüren. Deshalb wollen sie Leute, denen man glauben kann, dass sie a) wissen, was sie sagen und b) tun werden, was sie versprochen haben. Die Hoffnung, dass es Leute bis in den wählerrelevanten Machtbereich schaffen, die nach bestem Wissen und Gewissen ihnen die Wahrheit über die Motive ihrer Absichten sagen werden, haben sie, die Leute, bereits aufgegeben. Und DAS ist das eigentliche Trauerspiel, dass allein das sich immer mehr militarisierende Großkapital zu verantworten hat.
Zu dem heute die Digital-Medienkonzerne neben der Rüstungsindustrie und der Bio-Chemie gehören. Nein, die Finanz-Industrie ist keine eigenständige Industrie, die leider leider niemand verstehen kann, weshalb immer wieder öffentlichkeitswirksam auf die Kapitalmärkte als Markt-Phänomene verwiesen wird... Die Finanzmärkte sind nur bereits schon in festen Händen der genannten Konzern-Imperien.
Es ist kein Privileg, etwas in Frage zu stellen. Das wäre erträglich zu unterwandern. Durch den Mangel an staatsbürgerlicher Volks-Bildung ist es aber ein Privileg geworden, etwas in Frage stellen zu KÖNNEN. Und das ist ein Skandal der unserer Demokratie innewohnt. - "ICH" kann in Frage stellen und hinter-fragen und die Mehrheit nicht - das ist genau ebenfalls ein selbstgewisser Anspruch, der mit einem Willen zur Freiheit und zu einer gelebten Brüderlichkeit nichts gemein hat - und Elite für sich selbst halt doch ganz gern beansprucht...Und für dieses gut zugeschüttete Herren-Denktum kann man sich durchaus auch mal schuldig fühlen. Ab und an. Vor allem in Deutschland und auch in Österreich - Die Hassenden sind immer die andern, ja?
#15 2016-11-11 08:03
Blog Verantwortung: macht relevantes Theater!dabeigewesen
Zunächst einmal: wir sind verantwortlich für die politischen Verhältnisse da, wo wir wählen dürfen und sollten. Aber es ist richtig, es gibt eine schockierende Hinwendung zum Populismus, auch bei uns. Und es ist auch richtig festzustellen, daß wir, jeder einzelne, etwas dagegen tun kann: Stellung beziehen, für die offene Gesellschaft kämpfen. Aber auch: Leute reinholen und nicht per se ausgrenzen. Verstehen wollen, nicht sich abgrenzen. Elite sein (auch wenn man sich vielleicht wegen seiner persönlichen Verhältnisse als nicht dazugehörig empfindet: der Großteil der Menschen, die dies lesen, gehört dazu) heißt auch: Verantwortung zu übernehmen, selbst wenn man nicht selbst Schuld ist. Wege finden aus dem Schlamassel, idealerweise in dem Umfeld, in dem man selber wirkt und arbeitet.
Für Theatermacher heißt das aus meiner Sicht: macht gutes, relevantes Theater. Ich möchte hier nicht der Vereinfachung das Wort reden, aber Theater wirkt ganz offensichtlich auf jeden, der es sich ansieht. Wenn es denn dann zugänglicher wäre, Schwellen niedriger, es komplex bleibt, aber nicht kompliziert ist, dann glaube ich nach wie vor daran dass Kunst uns zu besseren Menschen macht und Gesellschaft besser macht.
Ein letzter Absatz zu Trump. Dies hat Peter Thiel gesagt, den ich in vieler Hinsicht unsympathisch finde, aber dies ist klug: "I think one thing that should be distinguished here is that the media is always taking Trump literally. It never takes him seriously, but it always takes him literally. ... I think a lot of voters who vote for Trump take Trump seriously but not literally, so when they hear things like the Muslim comment or the wall comment, their question is not, 'Are you going to build a wall like the Great Wall of China?' or, you know, 'How exactly are you going to enforce these tests?' What they hear is we're going to have a saner, more sensible immigration policy."
Wir müssen die Demagogen ernster nehmen und bekämpfen, und runter von der Ironisierungs-Couch.
#16 2016-11-11 18:53
Blog Verantwortung: denke ich zu naiv?Inga
@ gehtimmernochmehr: "Staatlich geförderte Armut"? Wie meinen Sie das? Es ist vielleicht doch beides? Dass es Hartz IV-Generationen-Familien gibt, wo die Eltern ihren Kindern leider kein gutes Vorbild sind/sein können. Und dass diese Kinder dann aber in Eigenverantwortung ein Start Up gründen wollen, wunderbar. Da ist dann tatsächlich die Frage, wer kennt sich damit aus? Wird sowas wirklich gebraucht? Würde es Alternativen zum Start Up geben, zum Beispiel Arbeit als Erzieher in diesem Bereich? Denn nur, wer wirklich daran interessiert ist, wird vielleicht auch Kinder zum verantwortlichen Umgang mit den neuen Medien erziehen können. Wenn ihn denn Kinder interessieren.

Was ich als nicht so schön empfinde, ist Ihre Art der Argumentation mit dem Vergleich zu anderen Jugendlichen, wo "Mami und Papi" schon zahlen. Ja, vielleicht ist das so. Die haben sich ja vielleicht auch erst hochgearbeitet. Und sind deswegen da angelangt, wo sie jetzt stehen. Und da können die ihren Kinder auch helfen, beim Start Up. Ist doch okay. Es braucht aber eben auch das Bewusstsein für andere Jugendliche, die diese Teilhabechancen nicht von vornherein haben. Ist klar, da gehe ich mit. Das ist für mich aber vor allem Aufgabe der Politik, da Chancengleichheit zu schaffen, echte Chancengleichheit, nicht nur Bildungspakete, die dann möglicherweise gar nicht in Anspruch genommen werden, weil keiner überall immer erstmal einen Antrag stellen möchte usw. und mancher auch einfach keine Ahnung hat, dass es sowas überhaupt gibt. Und diese Chancengleichheit könnte man ja eigentlich auch locker schaffen, zum Beispiel alle Rüstungs-, Prestigeprojekt- und Flughafenausgaben (zum Beispiel in Berlin) runter und mit diesem Geld alle Bildungs-, Sozial- und Kulturausgaben hoch. Oder denke ich da zu naiv? Ansonsten kommt es zu genau diesen Neidgefühlen zwischen Menschen, die ich auf jeden Fall(!) nachvollziehen kann. Die aber eben nicht schön sind. Man weiss eben auch erst, wie sich das anfühlt, wenn man es selbst erlebt hat. Auch in Bezug auf andere, elementar wichtige Dinge (ansonsten braucht mensch Neid nicht, genauer den materiellen Neid) des Lebens (mit Kindern), zum Beispiel einen sofortigen Kitaplatz ohne Warteliste und dergleichen Schmuh, denn ein Kitaplatz unter drei bzw. ab einem Jahr ist bundesweit das Recht ALLER Kinder, unabhängig von ihrem Betreuungsbedarf (davon unberührt bleibt die freie Wahl der Eltern, ab wann sie ihr Kind in die Kita geben wollen).

Zudem teile ich Ihre Idee eines zentralen Bildungsplans (wahrscheinlich dann in Ihrer Sicht pro DDR?, das wäre dann ja auch nicht ausgewogen, oder?) nicht. Es ist Ihre Sicht, wenn Sie nun meinen, dass nach der Wende in allen Schulen nur noch "der Kapitalismus" gelehrt wird. Es gibt ja zum Beispiel auch freie Schulen. So einfach wie Sie würde ich das nicht sehen (wollen). Ich würde vor allem nicht von "Schuld" sprechen wollen, wie Herr Kasch. Über einen solchen Begriff hetzt man auch nur wieder Menschen bzw. Menschengruppen gegeneinander. Es würde nur gehen, wenn sich alle Menschen von vornherein als politische Gemeinschaft sehen würden, die nur funktionieren kann, wenn klar wird, dass ohne den jeweils anderen nichts geht. Beispiel: "Der Arbeiter" baut Kitas, in welchen dann auch seine eigenen Kinder unterkommen können müssten, damit sie von Beginn an gemeinsam mit anderen voneinander lernen können. Das beginnt nicht erst in der Schule. Natürlich ist klar, dass man dafür dann auch noch eine gemischte, diverse whatever Wohnbevölkerunng, bezahlbare Mieten (über Genossenschaften?) usw. braucht, um dieses Miteinander wirklich in die Praxis umsetzen zu können.

Amerika oder Deutschland, wenn wir die Grenzen zwischen Menschen in den Köpfen und real nicht auflösen, so dass es nicht fließen kann zwischen den Menschen, dann passiert auch nichts. (Mit-)Schuld ist hier (in meiner Sicht) also nicht das Thema.
#17 2016-11-11 22:47
Blog Verantwortung: gleiche Chancengehtimmernochmehr
Antworten auf Inga: Zur politisch organisierten Chancengleichheit gehört ein Bewusstsein der Politiker von vorhandener ChancenUNgleichheit, das Sie offensichtlich haben. Und die Politiker offenbar nicht. Sonst hätten wir ja Chancengleichheit zwischen den Generationen, zwischen den Schichten und zwischen den Geschlechtern. Ich habe nur e i n Beispiel gegeben für unzureichende Qualifikation in den Ämtern, die für die Vergabe von Sozialleistungen einschließlich der Befugnis zu Sanktionen verantwortlich sind. Insbesondere für eine unzureichende Qualifikation für die Unterstützung bzw. Beurteilung von jungen Arbeitslosen, Langzeitarbeitslosen, Studienabbrechern und Studienabsolventen. Auch erfolgreichen. Weil sie deren mittlerweile weit verbreiteten Fähigkeiten mit den Instrumenten der digitalen Techniken umzugehen, als Sachbearbeiter gar nicht nachvollziehen können und diese Fähigkeiten deshalb nicht kommuniziert werden können, weshalb es hier massenweise zu Fehlurteilen über vorhandene Skills bei den jungen Menschen kommt. Mit den entsprechenden Konsequenzen... Ich habe versucht, Gründe dafür zu erörtern und das haben Sie nicht verstanden. Das tut mir leid. Ich bin der Ansicht, dass wir entschieden mehr Bildung und weniger Erziehung brauchen. Erziehung durch Bildung funktioniert nach meiner Erfahrung entschieden besser als Bildung durch Erziehung. Das ist eine Binsenweisheit und jeder weiß es, aber man bekommt erstaunlicherweise immer Schwierigkeiten, wenn man es ausspricht. Vielleicht haben Sie eine Erklärung dafür, wie das kommt? - Diese jungen Menschen sind wahrlich bereits übererzogen worden und brauchen nicht noch einen Erzieher mehr und wenn sie unbedingt selbst erziehen wollten, dann hätten sie auf Lehramt studiert, wie es ja viele Gleichaltrige tun. Vor allem dann, wenn sie auch gar kein hauptsächliches Interesse an Kindern haben, sondern nur das vordergründige an einem halbwegs sicheren Job. Z.B. Ich habe an keiner Stelle behauptet, dass nur noch der Kapitalismus gelehrt werden sollte oder gar eine pro-DDR-Sicht. Ich fände es schon sehr schön, wenn es eine DDR-Sicht wäre, die im Schulunterricht nicht von mehr oder weniger als Diktatur von ihr spricht als wir sie in unserer Demokratie haben. Und das ist durchaus KEINE pro-DDR-Sicht. Was gegen eine wirkliche Diktatur im Sinne eines Regimes der DDR spricht ist die Tatsache, wie sie faktisch beendet wurde. Der zentrale Bildungsplan - aus dem sich ja gern die Privatschulen ausklinken können, hieße aus meiner Sicht zunächst: ein zentraler Prüfungsplan, der Abschlüsse bundesweit vergleichbar macht. Und ansonsten hieße es im zentralen Bildungsplan, dass es eine Bildung geben muss innerhalb eines Faches oder als Extra-Fach, die für alle Schüler verbindlich ist. Das ist eben eine staatsbürgerliche Bildung, die ganz genau mit dem Aufbau und den Instrumenten des Staates, der bürgerschaftlichen Teilnahme und Teilhabe an ihm vertraut macht. Nur dann haben auch solche Kinder als junge Menschen gleiche Chancen, sich mitbestimmend in die Gesellschaft einzubringen, die eben vom Elternhaus her nicht auf ihre Rolle, die sie später als Wähler in einer Demokratie wahrnehmen können und sollten, vorbereitet werden können.
Neidgefühle sind normal wie andere Gefühle auch. Es ist bequem, Aufbegehren gegen Ungerechtigkeiten und Chancenungleichheit mit unbeherrschten Neidgefühlen in die Ecke eines schlechten Gewissens zu treiben:"wennichsage,dassichauchgerneeinenzinslosenBildungskredit hätte, den ich nicht zurückzahlen muss, weil meine Eltern nie die Chance hatten, sich hier "hoch"zuarbeiten, bin ich neidisch - das darf man nicht! - da bin ich unmoralisch und werde auch so behandelt!" - Können Sie einmal genauer für mich erklären was "hoch"-arbeiten ist, und wo genau man dann dasteht, wenn man sich nach Ihren Begriffen "hoch"gearbeitet hat?? - Denn es kann sehr gut sein, dass ich da zu naiv bin.
#18 2016-11-12 10:09
Blog Verantwortung: überaus mutigD. Rust
Sehr geehrter Georg Kasch, es muss irgendetwas zu bedeuten haben, dass mich Ihre „Schuld“-Kolumne emotional erreicht hat, denn so etwas passiert mir beim Lesen höchst selten. (Selbst wenn ich etwas von einem Autor oder einer Autorin bewährt gern lese, hat das nie etwas damit zu tun, dass mich Inhalt und die Form, in der er hervorgebracht ist, emotional erreichen, weil ich irgendwie anders lese als andere Menschen das tun. Das ist wahrscheinlich eine Krankheit, aber ich kenne ihren Namen nicht. Sie macht mich trotzdem untauglich für sehr viele Tätigkeiten, auch solchen im Theater. Es wäre z.B. produktionsgefährdend bis – vernichtend mir die Aufgabe zu erteilen, mir ein Regiebuch aus dem Regiezimmer bis zum Probenraum zu bringen oder dergleichen. Vermutlich würde ich dann irgendwo auf dem Weg in einem Treppenhaus verlorengegangen sein und dort begeistert darüber nachdenken, warum was von wem gestrichen wurde, warum wann genau und von wem welche Striche geöffnet oder Anweisungen gegeben und wieder zurückgenommen oder in welcher Weise konkret geändert wurden. Und darüber, wie einer was wann genau begründet hat, damit es dazu kam usw. Theater haben für mich einen entscheidenden Fehler – sämtliche: es sind Leute darin, die da überflüssigerweise drin rumlaufen und mich beim Lesen, Denken und Schreiben stören. Wenn ich da wirklich Leute brauche, erfinde ich die halt. Leider geht es mir mit allem Geschriebenen auch so. Und es macht gar keinen Unterschied, ob das Ihre schöne Kolumne ist oder die Rückseite mit dem hinter den diversen Sternchen erörterten Kleingedruckten einer Kabel1-Werbung…) Es muss also wirklich etwas zu bedeuten haben, dass mich Ihre Couch-Schuld-Kolumne emotional erreicht hat und ich grüble jetzt seit zwei Tagen darüber nach, WARUM so etwas Unlogisches geschehen konnte und was genau das Unlogische ausgelöst hat – bei allem Respekt vor Ihren Kritiken und Kolumnen sonst, die ich immer gern lese und da weiß ich schon warum, aber das führt hier zu weit –
Ich bin heute zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht nur an der, Ihren Ernst, also Ironiefreiheit, betonenden Fragestellung nach einer eventuell eigenen Schuld an den bestehenden Verhältnissen, lag. Es hat mich besonders, glaube ich, emotional angesprochen, dass Sie von „Eliten“ und zwar in der Form „wir“ gesprochen haben. Das hab ich als derart offenherzig gebraucht empfunden, dass mich das sehr angerührt hat. Ich glaube, sehr viele Menschen denken von sich, „Elite“ zu sein oder zu einer zu gehören und würden das trotzdem niemals offen formulieren! Deshalb fand ich das überaus mutig, dass Sie das sogar öffentlich getan haben. Und es hat mich sehr neugierig gemacht, mehr von ganz speziell Ihnen darüber zu erfahren. Weil ich jetzt, nach Ihrer letzten Kolumne, auf Ihre Offen-herzigkeit auch in anderen Fragen vertraue: Könnten Sie mir bitte erörtern, was genau Sie unter dem Begriff „Elite“ verstehen? Und was Ihre Erfahrung ist, was allgemein Leute unter „Elite“ verstehen? Und was Sie meinen, wie es den Textinhalt ändert, wenn man statt „Elite“, „Eliten“ sagt, also in den Plural wechselt? Und was es ändert, wenn man nicht nur sich, sondern sich selbst und andere meint damit. Offensichtlich, weil man „wir“ statt ich sagt. Auch dies ist ja –aus meiner Sicht - eine wirklich mutige Behauptung! Sie sind ja merkwürdigerweise hier nicht angegriffen worden dafür, dass Sie einfach „Wir-Eliten“ schreiben, sondern ernteten primär dafür Widerspruch, dass Sie die gedachte Möglichkeit einer Mit-Schuld an den Verhältnissen in den Raum stellten… Dieser Vorgang interessiert mich aus kommunikationstheoretischen Gründen sehr.
(Sehr geehrte Redaktion, streichen Sie bitte einfach meinen Eingangs-Sermus des Kommentars, der für andere Leser unwichtig ist, aber doch Ihr Verständnis als Kolumnenbetreiber für meinen Kommentar eventuell vertiefen kann. Danke.)
#19 2016-11-12 10:12
Blog Verantwortung: das schlechte GewissenInga
@ gehtimmernochmehr: Sie schreiben nur aus einer konkreten, begrenzten Sicht, aus der der Start Ups im IT-Bereich. Und das ist auch richtig so. Meines Erachtens kann jede/r nur aus seiner eigenen Sicht sprechen/schreiben. Dass "diese jungen Menschen" (Sie sprechen da also leider auch nur ÜBER andere?) noch einen Erzieher mehr bräuchten, habe ich davon irgendwas erwähnt? Und niemand muss auf Lehramt studieren, Erzieherausbildung geht auch schon, auch da werden sicher u.a. IT-Fachspezialisten gesucht. Aber wenn kein Interesse für Kinder vorhanden ist, dann bringt das wohl auch nichts, da haben Sie vollkommen Recht. Ich weiss nicht worauf Sie hinaus wollen.

Und warum gehen Sie davon aus, dass es eine "staatsbürgerliche Bildung" nicht gebe? Die gibt es sicher, schreiben Sie da nicht etwas zu sehr aus Ihrer eigenen, vorurteilsbelasteten Sicht? Haben Sie denn Erfahrungen damit, was wirklich zum Beispiel im Politikunterricht der Gesamtschulen und Gymnasien usw. heute unterrichtet wird?

Es geht nicht um das schlechte Gewissen bei Neidgefühlen, das meinte ich nicht, im Gegenteil.. Neidgefühlen könnte in der Weise entgegengearbeitet werden, dass man allen Kindern erklärt, dass es nicht darauf ankommt, dass jede/r ein Auto, einen Flachbildschirmfernseher, ein Tablet usw. hat. Das heisst, Neid ist ja oft eher der Neid auf Materielles, gerade bei Kindern und Jugendlichen (Stichwort: Konsumgesellschaft). Ein Buddhist zum Beispiel ist nicht neidisch auf seine hedonistisch-materialistisch eingestellten Mitmenschen, weil er sich selbst(!) davon überzeugt hat, dass er all diese Dinge nicht braucht.

Ich weiss nicht, aus welchen Gründen sich Ihre Eltern hier nie "hocharbeiten" konnten. Vielleicht hatten sie nicht die Ausbildung/das Studium usw. dazu? Jede/r, der will, kann das in Deutschland doch auch machen, zunächst mal über BAföG usw. Es steht doch erstmal jedem offen. Wenn nicht Ihren Eltern, dann Ihnen selbst. Ich empfinde es als unpassend, das dann nicht auch erstmal so anzunehmen, sondern stattdessen immer nur weiter auf "die da oben" zu schimpfen, deren Kinder es besser hätten. Für mich ist das nicht der Weg, dieser permanente Vergleich mit anderen. Für mich entsteht so nur noch mehr Krieg zwischen Menschen, der dann auch wieder nur Biografien zerstört, möglicherweise. Das kann ja irgendwie nicht der Sinn des menschlichen Zusammenlebens sein, oder? Wenn am Ende alle (auch seelisch) kaputt sind, deswegen.

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