Notwendig eitel

von Thomas Rothschild

18. November 2016. Eigentlich verliere ich die Lust, ein Buch zu lesen, wenn im Klappentext über die Soloprogramme und Lesungen eines Schauspielers erklärt wird, sie seien "Kult", aber wenn dieser Schauspieler Ignaz Kirchner heißt, beschließe ich, dieses infantile Modegeplapper zu ignorieren und den Buchumschlag einfach in den Papierkorb zu werfen.

Kirchner Verruecktheit 180Denn ich kenne Ignaz Kirchner lange genug, um zu wissen, dass er selbst sich weder dieser Sichtweise, noch gar dieser Sprache schuldig macht. Und seinen Vortrag von Wilhelm Reichs "Rede an den kleinen Mann" habe ich schon vor Jahrzehnten im voll gepackten Keller von Wendelin Niedlichs Buchhandlung mit den unbequemen roten Hockern bewundert, als das Wort "Kult" noch auf den Bereich der Religion verwies und allenfalls das Stuttgarter Theater unter Peymann – so auch von Kirchner – als (eben quasireligiöse) "Kultstätte" bezeichnet wurde. Lassen wir uns also statt auf den Werbejargon des Verlags darauf ein, was Kirchner zu sagen hat.

Unbequeme Wahrheiten

Der gelernte Buchhändler, der schon auf der Schauspielschule widerspenstig war und sich selbst in jungen Jahren nicht scheute, Peter Stein und der Schaubühne oder später Peter Zadek eine Absage zu erteilen, spricht aus, was jeder weiß, die meisten aber verschweigen: "An den Schauspielschulen unterrichten ja oft Menschen, die ihr Instrument, den Körper und die Stimme, nicht beherrschen und den Unterricht aus einer Notsituation heraus geben."

Kirchner beklagt, dass sich Regisseure nicht mehr die Zeit nehmen, zu reisen und sich junge Talente anzusehen. Er äußert sich lobend über den Kritiker Benjamin Henrichs und verheimlicht nicht, dass es ihn sehr getroffen habe, als der ihn einmal verrissen hat. Er verrät, dass es für Claus Peymann eine unausgesprochene Kränkung bedeutet hat, dass er und Gert Voss in Wien blieben, als er, Peymann, nach Berlin ging.

Kein Minetti-Fan

Er lehnt das Theater eines Matthias Lilienthal ab: "Da setze ich mich lieber irgendwo in eine Ecke und lese denen, die es hören wollen, etwas vor." Er stellt Bernhard Minetti, unbekümmert um den allgemeinen Konsens, ein schlechtes und Peter Lühr dafür ein gutes Zeugnis aus. Videos auf der Bühne kann er nicht mehr sehen. Ausführlicher spricht Kirchner über Fernando Pessoa, über seine Liebe zur Musik, über Komik und das Ausnahmetalent Herbert Fritsch, gegen Ende auch über seine Familie.

Eigene Kapitel sind, mit Abschweifungen und Seitenblicken auf andere Regisseure, Jürgen Gosch, Thomas und Matthias Langhoff, Klaus Michael Grüber, George Tabori und Peter Zadek gewidmet. Kirchner würdigt deren künstlerische Kompetenz – ganz gegen die Gepflogenheiten in seiner Wahlheimat Österreich – auch dort, wo er ihre menschlichen Qualitäten anzweifelt.

"Kušej wäre ein politisch engagierterer Burgtheaterdirektor gewesen als Hartmann"

Es versteht sich, dass Ignaz Kirchner die Zusammenarbeit mit Gert Voss erwähnt, mit dem er "einen Gleichklang im Widerspruch" gefunden habe. Diese Kooperation stellt die beiden in eine Reihe mit solchen Männerpaaren wie Peter Fitz und Otto Sander, Helmuth Lohner und Otto Schenk, Walter Matthau und Jack Lemmon. Kirchner selbst meint, dass sie gar nicht so viel miteinander gespielt hätten – wie etwa Thomas Holtzmann und Rolf Boysen. Er bekennt sich zu seiner Eitelkeit, die "ja zum Beruf" gehöre, und bagatellisiert sie zugleich. Auszeichnungen jedenfalls seien ihm nicht egal.

Ignaz Kirchner ist nicht nur einer der eigenwilligsten Schauspieler seiner Generation – er ist auch einer der wenigen, die sich, geprägt vom Aufbruch der späten sechziger Jahre, ihren politischen Verstand und ihr gesellschaftliches Engagement bewahrt haben. Er nimmt auch in Sachen Theaterpolitik kein Blatt vor den Mund: "Ich bin sicher, dass (Matthias) Hartmann wegen der schwarz-blauen Regierung Burgtheaterdirektor geworden ist, in der Zeit, als Franz Morak Kunststaatssekretär war. Martin Kušej hätte als Burgtheaterdirektor sicher politisch engagierteres Theater gemacht als Hartmann."

Der Unterschied zwischen Kirchner und Voss

Gelobt seien das Rollenverzeichnis sowie die Entscheidung, für das Buch Tiefdruckpapier zu verwenden. Es bringt die zahlreichen Fotos voll zur Geltung und wird dem Medium Theater damit eher gerecht als bloße Sprache – selbst wenn sie so intelligent ist wie die Sprache Ignaz Kirchners, der, bescheiden, über sich selbst bemerkt, er sei kein Literat.

Eine Anekdote, die ebenso viel über Ignaz Kirchner aussagt wie über seinen Gesprächspartner, konnte man bereits vor mehr als einem Jahr in der "Welt" lesen: "Ich bin im Wiener Café 'Eiles' einmal mit dem großen Pianisten Friedrich Gulda versackt, und der hat zu mir gesagt: Ignaz, willst du wissen, was der wahre Unterschied zwischen dir und Gert Voss ist? Ihr seid beide gleich gut, nur du bist a bissel schiacher."

Schon wahr. Aber wenn es nur das wäre ...

Immer an der Grenze der Verrücktheit
von Ignaz Kirchner, aufgezeichnet von Haide Tenner
Amalthea Verlag Wien 2016, 207 Seiten, 25 Euro

 

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