Aber sicher

von Georg Kasch

18. Januar 2017. Vor wenigen Tagen las ich auf Facebook den Eintrag eines Freundes aus den USA. Er ging mit seinen Kindern zum Essen aus. Beim Betreten des Restaurants folgte ihnen ein Mann, dem, kaum war er zur Tür hinein, eine halbautomatische Schusswaffe herunter fiel, direkt vor die Füße der kleinen Tochter meines Freundes.

"Ich schob meine Tochter rein und sagte zu dem Typen: ‚Sie wollen die bestimmt sichern.’ Er sagte: ‚Oh, hatte ich vergessen. Es gibt zu viele Spinner da draußen.’ Ich sagte: ‚Sieht ganz so aus.’ (Ich glaube, er verstand meinen ironischen Unterton nicht.) Anschließend ging er nach draußen und verstaute die Waffe in seinem Wagen. Offensichtlich war die Salatbar spinnerfrei ..."

Profiteure der Angst

Angst ist ein überlebensnotwendiger Instinkt. Oft genug ist sie aber vollkommen irrational. Dann hat sie eher mit einem Zu-wenig- als einem Zu-viel-Wissen zu tun, mehr mit einem Mangel als einem Übermaß an Erfahrung (wie auch dieses Interview mit dem Bürgermeister des vorpommerschen Mölschow zeigt). Dass man mit Angst viel erreichen kann, wissen die, die davon profitieren. Auf der einen Seite die Rechten, die AfD, der Front National, Donald Trump, der auch dank der Abstiegsangst seiner Wähler gewonnen hat. Und auf der anderen Seite der islamistische Terror.

kolumne 2p kaschAls schwuler Mann kenne ich mich aus mit Angst. Auch in einer Stadt wie Berlin kann man sich jederzeit eine blutige Nase holen, wenn man den falschen Leuten begegnet. Da reichen schon lackierte Fingernägel. Wenn ich mit meinem Mann spazieren gehe, dann überlege ich mir jedes Mal genau, ob mir die Freiheit, meiner Zuneigung und meinem  Zugehörigkeitsgefühl zu ihm Ausdruck zu verleihen und seine Hand zu halten, es wert ist, eventuell zusammengeschlagen zu werden. Und ja, es gibt Situationen, da lasse ich spontan seine Hand los, weil ich entweder die ätzenden "Fahrt zur Hölle"-Kommentare nicht ertragen kann oder weil ich Angst habe, aus einer möglichen Konfrontation nicht heil rauszukommen. Das Problem auch hierbei: Wo hört die berechtigte Sorge auf und wo fängt die Feigheit an? Ich bin schließlich schon öfters schamerfüllt zusammengezuckt, wenn sich die bedrohliche grölende Männergruppe von Nahem als angeheiterte Touristenmenge entpuppte.

Spielräume verengen sich

Das Problem mit der irrationalen Angst ist, dass sie sich so leicht verselbstständigt, auf andere übergreift. Dass die demokratischen Parteien zunehmend Angst vor ihren Wähler*innen bekommen und deshalb jetzt sogar führende Grüne ernsthaft erwägen, Marokko, Algerien und Tunesien zu sicheren Herkunftsländern zu erklären, obwohl dort queere Menschen von den Unis verbannt, von den Familien verstoßen (oder ermordet) und regelmäßig zu langen Haftstrafen verurteilt werden, macht wiederum den von einer Abschiebung Betroffenen Angst. Und mir. Das heißt nämlich, dass es in den Parlamenten zu wenig Verteidiger der Menschenrechte gibt, sich die Spielräume für die offene Gesellschaft in atemberaubender Geschwindigkeit verengen.

Wo endet gesunde Angst, wann wird sie zur Feigheit? Vor wenigen Tagen unterhielt ich mich mit einem Dramaturgen über das Thema Sicherheit, das ja auch die Theater umtreibt. Über die Verhältnisse in Israel, wo man bei jedem Theaterbesuch durchgecheckt wird wie am Flughafen. Über den eigentlichen Schock des Berliner Anschlags – die Furcht, dass unsere Freiheiten jetzt noch kleiner werden. Ich erzählte, dass ich mich jetzt auch öfter spontan umdrehen würde als früher, wenn ich allein unterwegs bin. Und dass ich das für eine gefährliche Entwicklung halte. "Stimmt", sagte er da. "Aber stell dir vor, da ist wirklich jemand hinter dir..." Auf dem Rückweg nach Hause habe ich mich kein einziges Mal umgedreht. Angst ist schließlich oft genug ein schlechter Ratgeber. Es war verdammt harte Arbeit.

 

Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" blickt er jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt.

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