Doch kein rechtes Nest?

15. Februar 2017. Kurz nach Weihnachten wurde bekannt, dass mehrere ausländische Schauspieler das Theater Altenburg-Gera verlassen werden. Wegen rassistischer Vorfälle. "Aber stimmt das auch?" hat sich die Zeit gefragt. Und Ronald Düker hat (in der Ausgabe vom 9. Februar 2017) sehr fein aufgeschrieben, welches Bild er in der Altenburg tatsächlich vorgefunden hat. 

Der Zeit-Autor ist nach Altenburg gefahren. "Drei Eindrücke vorweg" schreibt er. "Erstens: Schon bei der Einfahrt des Zuges fallen die Flaggen auf, die über einer Schrebergartenanlage flattern. Zweitens: Das Landestheater ist die erfreulichste Überraschung des Orts. (...) Drittens: Auch wenn die Meldung, drei Schauspieler hätten ihr Engagement wegen rassistischer Übergriffe beendet, atmosphärisch ins Bild passt und außerdem die Relevanz politisch engagierter Kunst unterstreicht, haben wir an dieser Meldung nun doch unsere Zweifel."

Die Nachricht, dass mehrere Künstler wegen verschiedener Nationalitäten entschlossen haben, ihren Vertrag zu kündigen, stamme aus einem interne Schreiben des Theaters, das von den Piraten geleakt wurde. Deswegen will Intendant Kay Kuntze das Schreiben auch nicht kommentieren, sagt aber: "Aus einem Gespräch im Aufsichtsrat ist eine Lawine geworden."

Der Aufsichtsratssitzung, so erkläre der Intendant, seien Gespräche vorausgegangen, bei denen die Künstler ihm ihre persönlich sehr verschiedenen Gründe des Weggangs genannt und unter anderem von Fremdenfeindlichkeit berichtet hätten. Das klang im internen Schreiben eindeutiger, ist aber tatsächlich auch von Kuntze schon damals differenziert worden. "Die dpa zitierte ihn mit den Worten, die Künstler hätten 'neben anderen Gründen die veränderte Stimmungslage für ihren Entschluss angegeben'."

Düker weist darauf hin, dass in der bisherigen Berichterstattung kein Thema die Tatsache war, dass auch Schauspieldirektor Bernhard Stengele das Haus zum Sommer verlässt. Stengele, der Katerina Papandreou, Öykü Oktay und Ouelgo Téné überhaupt erst geholt hatte. "Verlassen sie also mit ihm das Haus, in dem nun sowieso eine neue Phase anbricht?", fragt Düker. Stengele vermute, dass dies auch ein Motiv sei. Außerdem würden alle drei ihre bestehenden Verträge (die sich sonst automatisch verlängert hätten) erfüllen, es könne also keine Rede von Flucht sein.

"Ist Altenburg also doch kein rechtes Nest?", fragt Düker und spricht dann auch mit den drei Schauspielern. "Die Erfahrungsberichte der jungen Schauspielerinnen Oktay und Papandreou aus der Türkei und Griechenland ähneln sich, beide sprechen hervorragend Deutsch, klagen aber, dass allein ihr Akzent auf Zurückweisung stoße." In Gefahr habe sich Oktay nie gefühlt, trotzdem lasse sich die Fremdenfeindlichkeit auch nicht ignorieren. "'Fremdenfeindlichkeit aber macht, so sagt sie, vielleicht fünf Prozent meiner Motivation aus, jetzt wegzugehen. Eigentlich gehe ich, weil mir dieser Ort hier auf die Dauer zu klein ist." Sie will im Sommer nach Istanbul zurück. Katerina Papandreou, die ebenfalls wieder in einer Großstadt leben will, erinnert sich, dass sie erst nach den Presseberichten nachgedacht habe, ob Fremdenfeindlichkeit für ihren Entschluss eine Rolle spiele. "Ich gehe, weil mir die Stadt nicht lebendig genug ist." In Berlin zu arbeiten, das wäre für sie ein Traum.

"Dass der 32-jährige Ouelgo Téné etwas anderes erzählt, liegt, so traurig das ist, am Offensichtlichen, denn der aus Burkina Faso stammende Schauspieler ist schwarz." Nach Probenschluss erfahre der Schauspieler, was Rassismus im ungeschützten Raum bedeuten kann. "'Erst, wenn man es persönlich erlebt, weiß man, wie krass es ist', sagt er, nachdem er lange gezögert hat, mit uns darüber zu sprechen. Er habe verbale Angriffe erlebt. Und körperliche." Er sei den Menschen, die ihn angegriffen hätten, sehr oft begegnet. Und er sei deshalb zweimal zur Polizei gegangen. "So viel hat Ouelgo Téné noch keinem Journalisten erzählt. Aber wie er genau attackiert und beschimpft wurde, ob man ihn umringt oder geschlagen habe, das hören wir ebenso wenig wie das, was er seinem Intendanten unter vier Augen erzählt hat."

Es habe keinen Sinn, das zu erzählen, sagt Téné. "Es ist nur etwas, was ich persönlich erlebt habe." Warum er dann gehen will? "Ich renne nicht vor dem Rassismus weg. Ich brauche nur eine Pause. Und wahrscheinlich werde ich wiederkommen. Mit neuer Energie."

Schluss-Fazit des Texts: "Ganz offenbar gibt es einen üblen Rassismus in Altenburg. Und trotzdem bleibt von unserem Besuch etwas anderes zurück als die Geschichte in den Medien. Es war die Geschichte eines heroischen Opfers, das sich durch Schwäche und Machtlosigkeit den Beistand aller Anständigen verdient hat. Was ist aber, wenn dieses Opfer gar keine Fürsprache will? Dann ist auch das eine Aufgabe für den Journalismus. Sie besteht darin, sich statt im Verbreiten guter Absichten im Ertragen von Komplexität zu üben."

(sik)

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