Von den blauen Bergen kommen wir

von Claude Bühler

Basel, 23. Februar 2017. "Stefan"-Rufe, rhythmisches Klatschen, Jubelgejohle, Pfiffe: So begrüßte Basel den einstigen Schauspielspieldirektor Stefan Bachmann, der nach 14 Jahren erstmals wieder am Haus inszenierte. Hatte er damals mit frechem "Unterhosen"-Theater das Publikum gespalten, so kehrte er dieses Mal zurück, so scheint es, es wieder zu einen. Die Freunde leichtfüßig dargebrachter Pop-Bühnenkunst befriedigte er zum mindesten, aber auch Schiller-Puritaner werden bekennen müssen, dass die Kraft des Dichterworts – man muss es so sagen – das überwältigende Erlebnis der zweistündigen Aufführung bildet.

Dabei forderte Bachmann vom Ensemble, was man Schauspielschülern schon im ersten Ausbildungsjahr austreibt: Das Sprechen nach dem Takt vom Blankvers, das Endigen mit dem Zeilenende, das Wiederneuansetzen mit Zeilenbeginn; angetrieben von den Beats des Live-DJs Flink kehrt Bachmann hier aber das Verschroben-Unnatürliche zum Gewollt-Artifiziellen und entfaltet nach strenger Partitur – gerade auch im Gruppensprech oder in kurzen Rap-Passagen – eine virile Macht, wie sie old-school-hip-hop-acts über das Publikum gebieten.

Im Griff der Uhrwerk-Beats im Sekundentakt werden Schillers fünfhebige Jamben mit idealistischem Pathosschwung und schweißtriefendem Angesicht speichelspritzend ins Auditorium gejagt. Beim oft belächelten Rütli-Schwur "Wir wollen sein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr" herrschte gebanntes Schweigen, als hätte das Publikum einem magischen Akt beigewohnt.

Helden wider Willen

Bachmann erzählt den Tell aber nicht als chauvinistischen Nationalmythos, sondern als ein Märchen, das von einem archaischen Stamm handelt: Das Alpenvolk mit wilden Frisuren, Bärten, freien Brüsten, gekleidet mit Steppjacken, Schlafsäcken, Pelzüberhängen, sieht aus wie eine Mischung aus Stadtrandexistenzen, Indianern, Wikingern und Galliern. Statt an Hodlers Tell-Bildnis erinnert Bruno Cathomas eher an den feisten Häuptling Majestix.

wilhelmtell2 560 Simon Hallstroem uWolfgang Pregler, Robert Dölle, Max Rothbart, Nicola Mastroberardino, Thomas Reisinger, Ilario
Raschèr © Simon Hallström

Wenn sich die Schwyzer, Urner und Unterwaldner über die neuen Zumutungen der habsburgischen Besatzer berichten oder die Befreiung vom Joch erörtern, so klingen die Beats wie das Indianer-Tom-Tom, das über die Täler pocht. Und auf einmal gerät der Gottglauben, auf den diese Leute nach Schillers Original ihr Recht zum Widerstand gegen die Tyrannen gründen, zum pantheistischen Eingebundensein der Kreatur: Mit gewaltigen Widder-Hörnern wie ein Zeremonienmeister ist Landammann Attinghausen ausgestattet; wenn er mit einem euphorischen "einig" stirbt, fährt er, die Arme wie ein Pharao gekreuzt, an Drahtseilen gen Himmel.

Diese Kreaturen, zumal der Tell, sind aber auch naiv, männlich-knorrig, unzivilisiert, offensichtlich Helden wider Willen und reizen das Publikum mit Sätzen wie "Der Starke ist am mächtigsten allein" zum Gelächter. Das Bühnenbild Olaf Altmanns ist eine Männerwelt, in der nur Männer auftreten, wenn auch in Frauenrollen: eine frontale Bollwerk-Bretterwand mit einem vertikalen Schacht, in dem die Älpler vorsichtig und mühsam auf und nieder kraxeln, und einem mittleren Seitengang, in dem man kriecht, weil man nicht darin stehen kann.

Finaler Twist

Sie ist nicht nur gut für träumerische Bergwelt-Assoziationen, wenn etwa zu psychedelischen Hackbrett-Klängen der Nebel wie am Fels vorüberzieht: Sie erzählt auch von Wehrhaftigkeit, Lebensstrenge, Enge, Hierarchie und Grausamkeit. Letztere erkennt Bachmann offenbar auch im Apfelschuss Tells vom Kopf seines Buben Walther, auch wenn der Schuss von Gessler erzwungen wurde – und kehrt danach, wie um die Schuldfrage zu brechen, die Rollen: Thiemo Strutzenberger wird vom (wunderbar dekadent-hassenswert dargestellten) Gessler zum Tell, der Cathomas als Gessler erschiesst. Der Twist war danach das Foyer-Gespräch. Er wurde von vielen nicht verstanden.

wilhelmtell1 560 Simon Hallstroem uTell und Gessler tauschen Rollen: Bruno Cathomas, Thiemo Strutzenberger © Simon Hallström

Auch wenn Bachmann mit Wärme den Text zelebriert, uns mit Schillers Spannungsaufbau unterhält, klar mit seinen widerständigen Älplern sympathisiert, so zeigt er doch eine Karikatur, die den Gefühlsreichtum des aufrecht gehenden Menschen, wie ihn Schiller vorstellen wollte, verkürzt. Die Beats, der Rhythmus, der es erlaubt, die Verse ohne Peinlichkeitsbremse mit ungebrochenem Gefühlsausdruck wiederzugeben, engen diesen auch ein und versetzen die Sprache teilweise in ödes Rezitativ.

Aber es wäre unfair, diesen Tell an diesen Einwänden aufzuhängen. Die Aufführung ist höchst unterhaltsam. Sie öffnet den Blick auf eine neue Lesart jenseits von Schweiztümelei. Das Ensemble läuft zu hoher Form auf, spielt trotz der formalen Strenge mit freiem Elan.

Wilhelm Tell
von Friedrich Schiller
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Jana Findelklee, Joki Tewes, Körperarbeit: Sabina Perry, Komposition: Balthasar Streiff, Singoh Nketia, Licht: Roland Edrich, Dramaturgie: Barbara Sommer.
Mit: Bruno Cathomas, Robert Dölle, Simon Kirsch, Justus Maier, Nicola Mastroberardino, Benedikt Ocker, Wolfgang Pregler, Ilario Raschér, Thomas Reisinger, Max Rotbart, Thiemo Strutzenberger, DJ: Singoh Nketia alias DJ Flink.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

Der Clou dieser sehens- und hörenswerten "Tell"-Inszenierung, so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.2.217): "Schillers Blankverse klingen, getaktet vom Schlag eines Metronoms, vom Beat der Kriegstrommeln und DJ Fink, so unbezwingbar rhythmisch wie Hip-Hop-Sprechgesang. Die coolen alten Schweizer rappen, dissen, haten wie die Jungen." Nicht so schnell und aggressiv wie 50 Cent oder K.I.Z., "aber dafür in tadellosen fünfhebigen Jamben und immer auf dem Boden der humanistischen Grundordnung". Die strengen formalen Vorgaben von Altmanns Bühnenbild tun Bachmann gut. Er habe deutlich an Reife und Format gewonnen. Der Schweizer Nationalmythos nimmt er auf eine heitere, unangestrengte Art ernst und den Dichter beim Wort. Und dazu spiele Bruno Cathomas  den Tell wunderbar missvergnügt als brummigen, klobigen Wildschütz.

"Stefan Bachmann feiert mit dem Abend eine triumphale Rückkehr", so Alfred Schlienger in der NZZ (25.2.2017). Dabei konnte man sich zu Beginn durchaus fragen, ob das gut kommen wird. "Aber das Wunder geschieht: Wir hören diesen zitategeplünderten Schiller-Text nach kurzer Zeit tatsächlich neu." Bachmann verzichte auch hier auf jede vordergründige Aktualisierung und lasse den Text ganz für sich sprechen. Die zunehmenden Variationen und Tempowechseln "entwickeln einen Sog, der zur Trance". Bachmann verzichte auf jede vordergründige Aktualisierung und lasse den Text ganz für sich sprechen. Ein Sondervergnügen sei dabei, wie Cathomas jetzt als Gessler den näselnd-gezierten Strutzenberg-Sound imitiert.

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