"Ich kann nicht mehr"

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Satzes "Ich kann nicht mehr" auf nachtkritik.de bisher: 19 Mal

28. Februar 2017. "Ich kann nicht mehr, ich weiß nicht weiter." Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, würde jemand diesen Satz sagen, nicht am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Sondern zum Beispiel dieser neue Twitter-Präsident: I’m done. No idea how to go on. Oder die Kanzlerin bei Anne Will am Sonntag. Nicht, dass ich mir das wünsche, aber ich stelle es mir vor. Wahrscheinlich ist es sogar ein Satz, den sie, bei sich Zuhause, manchmal laut ausspricht. Sie erhebt ihre Stimme, der Satz verklingt ungehört. Oder die Tagesthemen-Kommentatorin der Tagesschau sagt diesen Satz. Weiß nicht weiter. Um danach noch ein bisschen in die Kamera zu gucken, dann abzudrehen und, vielleicht pfeifend, nein, vielleicht eher ganz still, das Studio zu verlassen. Nicht als Kapitulation, sondern aus Einsicht, aus heiterer Einsicht. "Ich spreche zu den Wänden", sagt Pollesch, sagt Lacan, könnte man sagen, wenn man, schauspielend, auf der Bühne spricht.

Im Nicht-Funktionieren wird ein Gespräch möglich

Auf Deutschlandradio Kultur ist ein zirka 40-minütiges Gespräch mit René Pollesch nachzuhören. Er sprach so aus meinem Mobiltelefon zu den Wänden meiner Wiener Küche, in der auch die Dusche untergebracht ist, wie es bei alten Wohnungen hier öfter vorkommt, und der Klang seiner Stimme hallte nach. So existentiell sei der Satz gar nicht gemeint, das Ich-kann-nicht-Mehr dieses Stücks, sagte er da auch, während ich darüber nachdenke, ob man den Satz auch anders betonen könne, mit der Betonung, statt auf dem Nicht, auf dem Mehr: Mehr kann ich nicht, seht, hört, das ist alles, was ich kann. Und, in Wien in der Küche stehend, bin ich neidisch geworden auf die Hamburgerinnen und Hamburger, die auch drei in den Medien als "Riesenhühner" bezeichnete Bühnenelemente von Wilfried Minks zu sehen bekommen. Ich habe die Riesenhühner sofort in der Bildersuche gegoogelt, aber Riesenhühner im Pixelformat wiedergegeben schrumpfen leider notgedrungen zu Zwerghühnern.

kolumne 2p praeauerWorum es denn in "Ich kann nicht mehr" gehe, wurde Pollesch im Deutschlandradio Kultur auch gefragt, nachdem er darüber gesprochen hat, wie der Chor aus 18 Frauen auf der Bühne eben dysfunktional wirke, da man, im Stimmengewirr, fast nicht mehr hören oder verstehen könne, was einzeln gesagt werde, sodass womöglich im Nicht-Funktionieren ein Gespräch oder ein Sprechen wieder möglich werde. Die Wände meiner Wiener Altbauwohnung haben spätestens da Ohren bekommen, und ich habe mir die nächtliche Fleißaufgabe gemacht, die nächsten Sätze — hören, stoppen, zurück zum Anfang, hören, stoppen – mitzutippen: "Dann fiel mir noch ein, dass für viele tatsächlich Inhalt, wenn jemand gefragt wird, was ist der Inhalt des Stückes, sich viele damit zufrieden geben, ne Inhaltsangabe zu bekommen. Für mich war Inhalt eines Stückes oder eines Romans nie die Inhaltsangabe, sondern womit beschäftigt sich der Abend, was versucht der rauszukriegen, wie spielen die da, wie genau äußern die sich da, das ist für mich der Inhalt, ja. Und dann fällt mir eben sowas ein, wie das, was ich sagte über den dysfunktionalen Chor, der da natürlich ein Theatermittel ist, und ich finde, sich mit nem Theatermittel zu beschäftigen, das ist jetzt selbstreferenziell, man kann aber auch sagen, das ist ein Mittel, das natürlich in der Welt ist. Das ist ja nicht nur am Theater, sondern das existiert und ist vielleicht ne bestimmte Äußerung, kulturelle Äußerung der Welt, in der wir leben."

Ein Satz, der so deutlich spricht zu den Wänden hin

Eigentlich sollte ich jetzt meinen Geburtstag feiern, anstatt an meinem Handy herumzufriemeln, aber manchmal bekommt man eben drei Riesenhühner statt einer Torte geschenkt, und dann kann man ja weitersuchen, dort, wo man vermutet, dass es weitergeht, wenn man nicht mehr kann. Dabei bin ich sehr heiter. Wenn auch afterpartytauglich angekotzt von den faden Interviewfragen an die Kunst, wo denn ihre sogenannte Welthaltigkeit sei – während sie, und in ihr, doch dauernd Welt ist. Und wie ihr Inhalt denn zusammenzufassen wäre – wo es doch so viel gibt, was da ist und was disparat ist, ein dysfunktionaler Chor. Wie denn etwas zu verstehen wäre – wo doch das Ich-kann-nicht-Mehr ein Satz ist, der so deutlich spricht zu den Wänden hin.

Hören, stoppen, zurück zum Anfang! Kann jemand das gesamte Gespräch abtippen und unten ins Kommentarfenster einfügen? Ich kann nicht mehr, ich muss los, muss ein paar Körner besorgen.

 

Teresa Präauer ist Autorin und Zeichnerin in Wien. Sie schreibt regelmäßig für Zeitungen und Magazine zu Theater, Kunst, Literatur, Mode und Pop. Ihre Bücher erscheinen im Wallstein Verlag, als Taschenbücher bei S. Fischer, und wurden vielfach ausgezeichnet. Zuletzt war sie als Samuel-Fischer-Gastprofessorin in Berlin, aktuell erschienen ist ihr Roman "Oh Schimmi". In ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" denkt sie über die Einzelteile nach, aus denen Theater sich zusammensetzt.

 

Zuletzt schrieb Teresa Präauer in ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" über Rollenspiele.

Kommentare  

#1 2017-02-28 11:02
Kolumne Ich kann nicht mehr: Vorlage SchubladenromanDas Problemkind
So ich auf Pollesch/DF verlinkt verstanden habe, ist es ja gar nicht sein, also Polleschs, Satz! Sondern der eines Freundes von einem Freund, welcher ihn zum Titel eines Romans gemacht hat, der nicht gedruckt ist, sondern in einer Schublade liegt. Immerhin wurde sein Titel benutzt! Geadelt dadurch, dass er immerhin von Pollesch als Theatermacher und Hamburg als Bühne benutzt wurde. Pollesch hat gefragt, ob er ihn benutzen darf. Das ist edel. Und gerecht. Und vielleicht hat Pollesch ja auch seinem Hauptverlag den Tipp auf den Schubladenroman gegeben - wo doch schon der Titel so brauchbar ist, das der Verlag damit Kohle machen könnte, wie er gerade via Theater beweist!
Pollesch benutzt von einem ganzen vom Hörensagen existenten Roman den Titel und die Kolumnistin dafür verpixelte Hühner, die von der Farbe her auch Kanarien- oder andere Paradiesvögel sein könnten...
Was ich gerne zu bedenken geben möchte, schon in ehrendem Gedenken an
Schleef oder die Chöre des z.B. Attischen Dramas: Ein dysfunktionaler Chor ist ja kein Chor! Sondern eine Ansammlung von unabgestimmt ähnlich agierenden und Sprechenden Einzelnen. Das ist ein Unterschied, der wensentlich für den Begriff "Chor" ist. Möglicherweise hätte Lacan so etwas dem Pollesch erklären können. Pollesch zeigt dann also, wenn er meint, einen "dysfunktionalen Chor" inszeniert zu haben, eben keinen Chor. Sondern versammelt ähnlich aussehende, agierende und sprechende Einzelne, die zu einer wirklich konzertanten Aktion unfähig (geworden) sind.
WENN er das aber nicht sagen kann, dass er solches inszeniert, hat er aber gar keine Einzelnen, die zu konzertanter aktion - zum Beispiel politischer - nicht mehr fähig sind, inszeniert. Sondern nur einen Chor schlicht schlecht inszeniert.
Das ist eine Frage der Logik und bei Logik hilft auch Lacan nicht immer weiter oder aus der Patsche. -
Und, ich muss das leider sagen, angesichts des Rufes als Dramatiker, der Pollesch stets vor- wie nacheilt und heiter umströmt wie eine warme Betriebs-Brise - stimmt mich das durch Pollesch offenbar Unsagbare wirklich sehr heiter.
Auch ohne Dusche in der Küche und eigenes Mobiltelefon. Das überlasse ich wie meistens gern der Frau Präauer - selbst an ihrem Geburtstag - Herzlichen Glückwunsch! - Wozu brauchen Sie die Körner - wollen Sie sich einen Geburtstagsschnaps extra und ganz allein brennen, weil Frauen heute immer so unabhängig von allem und jedem sein müssen?:D

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