Brecht zersägen

von Willibald Spatz

Augsburg, 9. März 2017. Dieses Brechtfestival ist ein Festival der Brecht-Darsteller. Schon am Mittwoch bei den "Svendborger Gedichten" des Baggard Teatret Svendborg und der Augsburger Bluespots Productions spielte einer den Brecht. Und einen Tag später steht Patrick Wengenroth auf der Bühne und stellt den Brecht dar, er steht unter besonderer Beobachtung, denn er ist seit diesem Jahr der Leiter des Brechtfestivals.

Dass er hier eine Brechtrevue inszenieren sollte, stand allerdings schon fest, bevor er in sein Leitungsamt berufen wurde. Bei Brecht im Allgemeinen und bei diesem Festival im Besonderen steht immer die Frage im Raum, wie sehr es denn im Sinne Brechts gewesen wäre, was da mit seinen Texten angestellt wird. Hätte er es gern gesehen, dass man sein Material als Steinbruch verwendet und ihn lustvoll dekonstruiert? Oder wäre es ihm lieber gewesen, man behandelte seine Worte so rein und unverfälscht wie möglich, so wie es oft von seinen Nachlassverwaltern eingefordert wurde – gern zum schmerzhaften Verdruss des Publikums in allzu weihevollen Aufführungen? Brecht kann keine Antwort mehr geben, die Brecht-Darsteller schon; sie stellen grantige Wesen dar, bei denen der Spaß schnell vorbei ist, wenn's zu respektlos wird.

Keine Sorge – der Abend ist genehmigt

Wobei der Grant immer mit einem gewissen Augenzwinkern ausgestellt wird. Patrick Wengenroth hält ein Reclam-Heft hoch und bedankt sich nichtsdestoweniger beim Suhrkamp-Verlag, der ihm – zu seiner Verwunderung, wie er sagt – die Erlaubnis für diesen Abend erteilt hat. Er kündigt das selten, auf dem Brechtfestival dennoch hin und wieder, inszenierte "Badener Lehrstück vom Einverständnis" an. Das wird schließlich auch gespielt, davor hat man schon eine gute halbe Stunde Verarbeitung von Brecht- und Fremdtext gesehen: Eine Baalgeschichte auf Spanisch, ein Plärrergedicht, die Einpeitschrede eines Motivationstrainers. Alles schön heiter, aber bis dahin auch etwas richtungslos.

Brecht Presse 2 560 Kai Wido Meyer 2 Kerstin König in Brechts Trümmern © Kai Wido Meyer

Das Lehrstück ist entstanden unter dem Eindruck der ersten erfolgreichen Atlantiküberquerungen mit dem Flugzeug und ist passagenweise immer noch sehr griffige Fortschritts- und Zivilisationskritik. Im dramatischen Zentrum steht eine Clowns-Szene, bei der einem Herrn Schmitt von zwei Clowns die Gliedmaßen abgesägt werden. Sebastián Arranz, Sebastian Baumgart und Thomas Prazak basteln daraus eine grandiose Puppennummer, Kerstin König steuert als Erzählerin Sägegeräusche bei.

Fröhliche Aggressivität

Patrick Wengenroth als Brecht respektive als Führer des gelernten Chors wird im weiteren Verlauf immer fahriger, überspringt Szenen, erklärt das eben Gesagte, greift dabei, damit es nicht zu kompliziert wird, auf den Mistkäfer aus Biene Maja zurück. Er herrscht jemanden hinter dem Vorhang an, weil dessen Metronom-Einsatz zu früh kommt. Das Metronom braucht er, um die Dialektik zu erklären. "Dialek tickt." Mit fröhlicher Aggressivität wird hier nicht nur eine Puppe, sondern auch ein Lehrstück zersägt. Zwischendrin wird daran erinnert, dass man etwas zu lernen habe. Klaus Müller geht mit Mikrofon ins Publikum und stellt Fragen zu Brecht und dessen Verhältnis zu seiner Stadt. Lehrerhaft, streng. Auf die Frage, ob er den Brecht schätze, wagt ein Zuschauer zu antworten, ja, allerdings mehr die klassischen Stücke.

Brecht Presse 2 560 Kai Wido Meyer 3 Sehr frei nach Brecht, aber alles im Rahmen: Kerstin König und Patrick Wengenroth
© Kai Wido Meyer

Klassisch ist hier längst keine Kategorie mehr. Auch das Lehrstück ist nur eine längere Nummer unter vielen. Es folgt noch eine Mutter Courage- Einlage, zu der viel Material auf die Spielfläche hinter den Vorhängen, aus denen das Bühnenbild besteht, hervorgeschleppt wird. Jetzt ist Brecht nur noch Stichwortgeber fürs freie Assoziieren. Kerstin König singt Material Girl und trägt eine feministische Rede vor. Patrick Wengenroth, jetzt als Mutter Courage kostümiert, stattet sie mit einem Baseballschläger aus und hält ihr einen Holzrahmen hin. Das Durcheinander zerfällt deshalb nicht in belanglose Einzelteile, weil es insgesamt gekonnt, mit Witz und durchaus ohne Scheu vor dem großen Moment inszeniert ist. PeterLichts Lied vom Ende des Kapitalismus ist eine volle Ladung Pathos und fügt sich dennoch nahtlos ins Ganze.

Wenn niemandem einfällt, dass kein Geld mehr da ist, wird es wahrscheinlich die nächsten 1000 Jahre Brechtfestivals in Augsburg geben. Und man braucht Menschen wie Patrick Wengenroth – oder auch die Bluespots Productions auf ihre Weise –, die Brecht als Material zum Spielen und ständigen Erneuern wiederentdecken. Ob das Ergebnis ganz im Sinne Brechts ist, erweist sich dann plötzlich für den Zuschauer, der sich aktuell diesen Spielereien aussetzt, als erfrischend zweitrangig.

 

Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht!
Musikalische Revue von Patrick Wengenroth
unter Verwendung des "Badener Lehrstück vom Einverständnis" und anderen Texten von Bertolt Brecht
Realisation, Bühne: Patrick Wengenroth, Kostüme: Marc Freitag, Musikalische Leitung: Matthias Kloppe, Licht: Kai Luczak, Dramaturgie: Tobias Vogt.
Mit: Kerstin König, Sebastián Arranz, Sebastian Baumgart, Klaus Müller, Thomas Prazak, Patrick Wengenroth und Matthias Kloppe (am Flügel).
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.theater-augsburg.de

www.brechtfestival.de

 

Eröffnet wurde das diesjährige Brechtfestival mit Selcuk Caras Inszenierung Die Maßnahme. Gezeigt wurden als Gastspiel unter anderem auch die Produktion des Berliner Theaters Ramba Zamba Der gute Mensch von Downtown und Simone Dede Ayivis, an den Berliner Sophiensälen uraufgeführter Soloabend First Black Woman in Space.

 

Kritikenrundschau

"Wengenroth spannt ironisch, einfallsreich, mit Spaß am Spaß den Bogen ins Heute, zu Madonnas 'Material Girl' ebenso wie zum Versprechen aufs schnelle Geld, entsprechend der Revue in kurzen Nummern," schreibt Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (11.3.2017). Geklammert werde dies von Brechts Klassikern, von 'Marie A.' bis zur Dreigroschenoper, die sich klug mal textlich, mal visuell in Kostüm oder Bühnenbild niederschlagen". Eine besondere Glanzleistung des Abends ist aus Sicht der Kritikerin, 'Das Badener Lehrstück vom Einverständnis' einerseits zu zeigen und andererseits für die Revue fruchtbar zu machen.

Die Uraufführung in der Brechtbühne des Theaters Augsburg "hinterließ ein Publikum, das zwischen überschwänglicher Begeisterung und tiefer Verstörung schwankte," schreibt Alois Knoller in der Augsburger Allgemeinen (10.3.2017). Wengenroth dekonstruiere Brecht mit respektloser Verve. "Was üblicherweise im getragen-pathetischen Tone vorgetragen wird, zerpflücken die sechs Schauspieler samt dem Mann am Klavier in stümperhafter Rezitation, in sarkastischer Kommentierung oder in grotesker Überzeichnung."

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