Führt nur Krieg, ihr blöden Sterblichen

von Tim Slagman

München, 10.März 2017. Es gibt nichts zu entschlüsseln in Jean-Paul Sartres Bearbeitung von Euripides Tragödie – und weil zwischen der Antike, dem Frankreich nach dem Algerienkrieg und der Gegenwart der Mensch immer noch des Menschen Wolf geblieben ist, bietet sich der Stoff nach wie vor an mit einer Dringlichkeit, die mit Händen zu greifen ist.

Menschliche Europäer?

Das klingt dann in etwa so wie bei Poseidon: Joachim Nimtz hockt am Ende in der Ecke als Gott auf Abruf wie alle Götter in dieser Welt auf Abruf sind, weil ihre eigenen Angelegenheiten ihnen mehr bedeuten als die Welt unter ihnen. Eine Sammlung von klischeehaften Mythologemen bildet er, der lange Zottelbart tropft, der hölzerne Dreizack ward schon früh zornig in zwei Teile gebrochen. "Führt nur Krieg, ihr blöden Sterblichen", mahnt dieser Poseidon beinahe gelangweilt in der jahrtausendelangen Routine des Rechthabens. "Ihr werdet dran sterben. Alle."

 Troerinnen 560 AndreasPohlmann uDer Münchner Mädchenchor (Die Troerinnen), Charlotte Schwab (Hekuba), Juliane Köhler (Helena)
© Andreas Pohlmann

Dagegen ist nicht anzukommen und schon gar nicht zu argumentieren: Wo jeder Subtext so gründlich elimiert und jeder Allgemeinplatz so zustimmungsfähig ist, braucht es auf der Bühne offenbar keine über den Text hinausgehenden ästhetischen Hinweise auf die Relevanz desselben mehr. René Dumont als Talthybios, griechischer Bote und Überbringer von schlechter und schlechter werdender Nachrichten, trägt am Ende den letzten Knaben Trojas erschlagen auf die Bühne. Alle Siegerhärte ist aus Talthybios gewichen, mit zärtlichen Gesten deckt er die Leiche zu und vergewissert sich selbst: "Wir sind menschlich, wir Europäer". Im Publikum beginnt das Seufzen. 
Im Umfeld solcher Sätze, die alles um sie herum zu erschlagen drohen, gilt es, nach Intensitäten zu suchen, die aus der Proklamation eine auch empfindbare Wahrheit machen – oder nach Subtilitäten, die einen Rest von Geheimnis ahnen lassen.

Unter dem Joch der Resignation

Sängerinnen des Münchner Mädchenchores liegen anfangs in Schuluniformen über die Bühne verstreut, auf der ein paar Pulte und Stühle stehen und Wände aus grauer, zerfetzter Pappe den Blick freigeben auf den fahlen goldbraunen Dämmstoff dahinter. Troja liegt in Trümmern nach zehn Jahren Krieg, nur Frauen haben überlebt. Und wenn der Siegerbote zur ehemaligen Königin Hekuba spricht, dann wie ein Lehrer vom Pult zu einem Schüler am anderen Ende des Klassenraums. Die Gewalt der Aufklärung, die der Kolonialismus der Menschlichen ausübte, auf diese Weise präsent zu machen, gehört zu den wenigen gesuchten wie gefundenen Subtilitäten des Abends.


Intensität allerdings scheint unmöglich geworden unter dem Joch der Resignation, das die Inszenierung von Tina Lanik so lähmt. Druck kommt höchstens von der vielstimmigen Anklage des Mädchenchores, von den namenlosen Troerinnen, die von Schulmädchen zu Zwangsprostituierten in violetten Glitzerkleidchen werden und irgendwo in diesem flittchenhaften Outfit womöglich eine Drohung verstecken wie die, die vom "Neon Demon" in Nicolas Winding Refns gleichnamigen Film ausging.

Troerinnen1 560 AndreasPohlmann uMeike Droste (Kassandra), Charlotte Schwab (Hekuba) © Andreas Pohlmann

Leben oder hundertfacher Tod

Doch diese Drohung bleibt so sehr Behauptung wie der allumfassende Schmerz. Nicht, dass es dabei keine Bewegung und keine Unterschiede gäbe: Zu Hekuba, die bei Charlotte Schwab eine Gebrochene, Erschöpfte ist, die mit rauer Stimme das Leid um sie herum und ihr eigenes eher konstatiert denn beschwört, strömen Archetypinnen mit je eigener Agenda und eigenem Schicksal. Meike Droste als Kassandra, die nur scheinbar verrückte Wissende, die im griechischen Exil den Rachemord plant, federt sanft in manischer Vorfreude von einem Umstehenden zur anderen, bis diese ihre Maske zu verrutschen beginnt. Hanna Scheibe brüllt den Schmerz von Andromache heraus, bis der Zorn an der Trauer zerplatzt, weil ihr Sohn nun auch noch sterben soll. Und Juliane Köhler zirzt und säuselt als verhasste Helena, bis ihr nichts übrig bleibt, als panisch um ihr Leben zu flehen.


Doch weder diese Begegnungen noch die Videoeinspielungen, die in kurzen Szenen eine glücklichere Vergangenheit oder eine noch traurigere Zukunft auf die zerstörten Pappwände träumen, lassen spüren, dass es hier um Leben oder hundertfachen Tod, um Demütigung, Stolz, Unterwerfung, um ein Leben in Würde oder in Sklaverei geht. Auf der statischen Bühne bleibt viel zu oft viel zu viel leerer Raum, der dazu noch in bemerkenswerter Helligkeit ausgeleuchtet wird.

Die Trauer darf hier keine Schatten werfen.

 

Die Troerinnen des Euripides

von Jean-Paul Sartre

Deutsch von Hans Mayer

Regie: Tina Lanik, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Licht: Tobias Löffler, Video und Musik: Florian Schaumberger, Dramaturgie: Andrea Koschwitz, Chorarbeit: Andreas Sippel.

Mit: Joachim Nimtz, Anna Graenzer, Charlotte Schwab, René Dumont, Meike Droste, Hanna Scheibe, Thomas Huber, Juliane Köhler, Yan Borovyk oder Julian Engel und dem Münchner Mädchenchor.

Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause


www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

In seiner Doppelkritik mit "In einem Jahr mit 13 Monden" schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (13.3.2017): "Durch beide Abende wehe eine kalte Einsamkeit. Bei den 'Troerinnen' wird sie mit evoziert durch die thetische, analytische Struktur des Textes, die Tina Lanik mit dem ostentativen Zynismus der Götter, der auch einen harten Aberwitz hat, umrahmt." Auch die Opfer seien hier nicht sympathisch, keine, in jeder brodelt Rache in unterschiedlicher Form. "Diese Ambivalenz erzeugt Distanz, bringt aber auch eine Klarheit der Rhetorik." Fazit: "Eine Anklage gegen den Krieg, spröde wie splitterndes Glas."

 

Kommentare  

#1 2017-03-12 00:56
Troerinnen, München: SchwankbewegungenChristian Kupatt
Sir,
war auch in diesem Stück, Reihe 2, kann also auch über Details mitreden. Ihre Beschwerde über mangelnden Platz zum Trauern kann ich so gar nicht nachempfinden. Vielleicht haben die jungen Damen nicht so dramatisch gesungen wie in anderen Inszenierungen, aber ihre noch unschuldigen und doch blutig verschmierten Gesichter gaben nun wirklich ergreifend Anlaß zur Betroffenheit. Das Changieren der Charaktere der großen Frauen, das Kippen der Gefühle und Positionen auch angesichts des maximalen Leids und Verlusts ist ja an Tragik kaum zu überbieten, weil der Anlaß des Kriegs in diesem Schwanken (z.B. des Menelaos) als absolut arbiträr ausgemacht werden kann, die Folgen es jedoch so gar nicht sind. Glücklich die, deren allzu menschliche Schwankbewegungen aufgrund kluger, aber brüchiger politischer Arrangements ohne dergleichen Folgen vonstatten gehen können. Diese Botschaft wird man dem Stück auch in der vorliegenden Inszenierung schwerlich absprechen können.

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