Auf dem Band

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 11. März 2017. Matti Krause läuft und läuft und läuft. Stoisch, gleichmäßigen Schrittes. Auf dem Laufband mitten auf der Bühne, einem quadratischen, von weißen Vorhängen umschlossenen Tanzsaal im Fünfziger-Jahre-Design, der sich immer wieder rasant um sich selbst dreht, auch manchmal von stürmischen Wetterverhältnissen durchpustet wird, die die Vorhänge zausen. Krause ist Hans Beumann, einer der vier Protagonisten in Martin Walsers erstem, 1957 erschienenen sozialkritischen Roman "Ehen in Philippsburg", der jetzt – erstmals für die Bühne bearbeitet – im Stuttgarter Schauspiel Premiere hatte.

Zappelig in geistiger Enge

Nervöse, gleichwohl gut getaktete Bewegung hat Regisseur Stephan Kimmig der geistigen Starre und Enge der von Walser beschriebenen Nachkriegsgesellschaft und Wirtschaftswunderwelt gegenübergestellt. Denn während Matti Krause läuft und läuft, auf der Stelle zwar, aber doch durch ganz Philippsburg und seine Upperclass-Cocktailpartys, Chefredakteursvorzimmer und Fabrikantenwohnzimmer, formiert sich das Ensemble um ihn herum immer wieder zu zappeligem, dennoch klar choreographiertem Getanze, das oft genug sexuelle Ambitionen verrät – zu Tanzstundenmucke, versteht sich, und 50er-Jahre-Schlagern wie "Mucki, mein Schnucki, tanz mit mir noch einen Boogie-Woogie".

ehen in philippsburg 44825 560 foto ju honorarfrei In der Mitte: Matti Krause, dahinter von links: Sandra Gerling und Michael Stiller, Verena Wilhelm und Paul Grill, Manja Kuhl und Sebastian Röhrle, Abak Safaei-Rad und Kim Tassia Kreipe  © ju

Beumann, mittellos aus der Provinz kommend, will als Journalist in Philippsburg Fuß fassen, sucht den Zugang zur High Society über seine ehemalige Studienkollegin, die Fabrikantentochter Anne, die ihrer Rolle so gar nicht entsprechen will in ihrem Rosa-Strickpulli-Outfit und mit ihrem linkischen Gehabe. Eine Gesellschaft tut sich auf, die moralisch verkommen und verlogen ist, hemmungslos, gewinnsüchtig, egoistisch, kaltherzig und gewissenlos. Selbstredend ist hier kein Platz für die Auseinandersetzung mit deutscher Vergangenheit. Eine Atmosphäre, in der die Liebe längst stiften gegangen ist. Die Ehen sind zerrüttet: Das Sagen haben karrieregeile Männer wie der Gynäkologe Alf Benrath oder der Rechtsanwalt Alexander Alwin, die ihre Gattinnen nach Strich und Faden betrügen und ihre heimlichen Geliebten ausbeuten. Die Ehefrauen dienen hier – mal gelangweilt, mal unterwürfig – vor allem als adrette Kleiderständer für hippen Schick. Was darüber hinausgeht, betrifft ihren gesellschaftlich höheren Rang, den sich der Gemahl zwecks sozialem Aufstieg zunutze macht.

Im Kessel der Wohlanständigen

Der Trick mit dem Laufband funktioniert zunächst: Ehe Beumann selbst von den moralisch verkommenen Verhältnissen aufgesogen, sprich: selbst zum Arschloch wird, darf er ganz plakativ Distanz demonstrieren, laufend und schlecht gelaunt sich echauffieren übers Drumherum und über die Atmosphäre in der Stadt. Matti Krause macht das vorzüglich: Brillant rhythmisiert und geschmeidig belebt ist sein Redeschwall, dem man deshalb gebannt folgen kann.

ehen in philippsburg 44823 560 foto ju honorarfreiAbak Safaei-Rad, Felix Klare, Verena Wilhelm, Manja Kuhl, Svenja Liesau  © ju

Walser hätte einst gar nicht erklären müssen, dass Philippsburg Stuttgart ist. Wer hier wohnt, weiß, welche Stadt gemeint ist, wenn sich Beumann über die dicke Luft im Kessel, über pralle Verkehrsadern und sommerliche Hitzewellen aufregt, die das Leben unerträglich machen. Und Matti Krause ist durch Scheinwerferlicht und Körperbewegung dann auch en nature erhitzt, so dass sein Schweiß in Rinnsalen über seinen roten Kunststoffkoffer tropft. Gespräche führt er en passant, sofern es überhaupt etwas zu sagen gibt, das über hohles Partygeplauder hinausgeht; selbst der erste Sex mit Anne wird auf dem Laufband angedeutet, und auch als Annes Mutter, gelangweilte Hausfrau, sich ihm lasziv an den Hals wirft, läuft er weiter.

Blutbad und Suizid

Es gibt starke Momente in dieser Inszenierung: etwa wenn Anne, von Beumann zum Schwangerschaftsabbruch getrieben, ihr grauenhaftes Abtreibungs-Martyrium – geradezu ein blutiges Massaker, das der Arzt in ihrem Körper anrichtet – beschreibt. Eine Szene, die wegen ihrer Drastik einst beinahe die Veröffentlichung des Romans verhindert hätte. Sandra Gerling, eine enorm wandlungsfähige und präzise Schauspielerin, spielt das ungeheuer authentisch. Ein Moment, der unter die Haut geht. Geradezu magisch auch die Szene, in der der Suizid der Gynäkologen-Gattin angedeutet wird: Der zuvor sich im Monolog selbstgerecht, eitel, chauvinistisch über sein Frau auslassende Alf Benrath – gespielt vom Stuttgarter Tatort-Kommissar Felix Klare – trifft im dämmrigen, zugig durchwehten Tanzsaal auf seine Frau, nähert sich ihr in reptilienartiger Langsamkeit, während diese, in ebensolcher Zeitlupe, merkwürdige, yogaähnliche Körperverrenkungen durchführt. Geisterhaft! Und welche Einsamkeit, welche Leere tut sich hier auf.

Vermisstenanzeige

Der Haken des Abends ist dann ein bekannter – in unseren Zeiten der Theaterromanisierungswut. Der Effekt des Laufbandes – sehr praktisch, um Walsers kalt sprudelnden Bewusstseinsstrom bühnengerecht zu extrahieren und möglichst viel davon in die Monologform zu pressen – nutzt sich zu schnell ab. Er prägt aber gefühlte zwei Drittel des dreieinhalbstündigen Abends. Wegen notwendiger Kürzungen werden wichtige Figuren eliminiert oder auf ein Minimum eingeschmolzen – wie jene des erfolglosen Schriftstellers Berthold Klaff (in diesem Fall ein fataler Fehler der Bearbeitung) – oder sie dienen – wie der mächtige Chefredakteur Harry Büsgen, der auf Partys mit seinem Liebesknaben auftaucht – nur noch der Dekoration. Stärkere Beleuchtung ist den Herren Benrath und Alwin (Paul Grill) zwar gegönnt. Aber weil die beiden stets aus ähnlicher Motivation heraus handeln, führt das auf der Bühne, die nach Kontrasten schreit, irgendwann zur Langeweile. Bleibt die Frage, warum man diesen Roman überhaupt fürs Theater bearbeiten musste: Weil Walser demnächst 90 wird? Weil der Roman in Stuttgart spielt? Das ist deutlich zu wenig.

 

Ehen in Philippsburg
nach dem Roman von Martin Walser
Uraufführung der Bühnenfassung von Jan Hein und Stephan Kimmig
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Choreografie: Sally Cowdin, Licht: Sebastian Isbert, Dramaturgie: Jan Hein.
Mit: Sandra Gerling, Paul Grill, Felix Klare, Horst Kotterba, Matti Krause, Manja Kuhl, Svenja Liesau, Sebastian Röhrle, Abak Safaei-Rad, Michael Stiller, Kim Tassia Kreipe/Monique Smith-McDowell, Sandra Guénin / Daura Hernández García, Verena Wilhelm. 
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause 

www.schauspiel-stuttgart.de

 


Kritikenrundschau

Kimmig reiche Martin Walser einen "so unterhaltsamen, klug eingefädelten Abend zum bevorstehenden 90. Geburtstag an", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (14.3.2017). Auch sei der Abend für eine Romanadaption verhältnismäßig theatralisch. Bühnenbildnerin Haß deute ein 50er-Jahre-Dekor an. "Anja Rabes Kostüme setzen das fort, man sieht Petticoats, aber Matti Krause musste seinen modischen Bart nicht abnehmen." So handhabe es auch Kimmig: "Man ist sich nie ganz sicher, ob das Karikaturen sind oder nicht doch Leute wie du und ich. Die Sprechenden stupst er in den Vordergrund, eine gut aussehende, lässige Dauerbeweglichkeit." Unangenehm nahe rücken Lebensgier und der Heißhunger– "und Kimmig braucht keinen einzigen Zeigefinger dafür".

"In Stephan Kimmigs Inszenierung ist das pietistisch geprägte Stuttgart von hemmungslosen Feierbiestern bevölkert", berichtet Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.3.2017). "Eine Revue-Nummer jagt die nächste", und das "Ensemble zeigt Rhythmusgefühl und einen starken Hang zur Polonaise-Bildung auf engstem Raum". Fazit: "Walsers Roman ist ein böses, satirisches Sittenbild, das Stephan Kimmigs Dramatisierung zuspitzt: auf getriebene Aufsteiger, die lustlos über Frauenleichen gehen."

Die "Ehen in Philippsburg" werden zum souverän in Szene gesetzten Sittenbild einer Zeit, die noch nicht vergangen sei, schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (13.3.2017). Die Inszenierung mache mit einem Roman bekannt, "der zu gut, zu böse, zu treffsicher und zu frisch ist, um ihn im Literaturkanon vermodern zu lassen". Die Regie finde treffende Bilder "nicht nur für den atemlosen Mann aus der Provinz, auch für die ausgeruhten Kreise der urbanen Gesellschaft". Kimmig friere das Partyvolk, das sich bei Volkmanns trifft, in starren Tableaus ein, er verwandele die Partygänger in Puppen. "Vor diesem Hintergrund entfaltet der Regisseur das Figurenpanorama. Siebzehn Rollen für dreizehn Schauspieler – und es spricht für Kimmigs Kunst, dass er aus fast allen den richtigen Ton kitzelt."

Nicole Golombek von den Stuttgarter Nachrichten (13.3.2017) ist von dieser Romananeignung nicht überzeugt: Die "Genauigkeit der Welt- und Seelenzergliederung, die Metaphern und Vergleiche, die Martin Walser dafür findet – wie all die herrlichen unfreiwilligen Lächerlichkeiten sichtbar werden lassen? Das macht eine Adaption für die Bühne schwer, wenn man es nicht wagt, frei gestaltend mit dem Stoff umzugehen. Und Regisseur Stephan Kimmig und Dramaturg Jan Hein haben es nicht gewagt."

Das "Nichtgesagte dröhnt zwischen den Zeilen, ist explosiv hinter der Fassade des Smalltalks", würdigt Bernd Noack auf Spiegel online (12.3.2017) Walsers Roman. Doch gerade für den Smalltalk habe sich Stepahn Kimmig "leider entschieden in seiner Bearbeitung fürs Theater. Und er macht daraus eine harmlose Nummernrevue mit unsinnig zahllosen Tanzeinlagen und Körperverknotungen. In seinen besten Momenten, also in denen, die frei sind von theatralen Mätzchen, ist der Abend eine bitterböse szenische Lesung der immer noch beschämend aktuellen Walserschen Zustandsbeschreibung einer trudelnden Welt im freien Fall."

Eine "mitunter etwas langatmige Inszenierung“ immerhin mit „eindrucksvollem Bühnenbild" hat Adrienne Braun gesehen und schreibt in der Süddeutschen Zeitung (15.3.2017): Walsers Figuren taugten nur bedingt zur prägnanten Profilierung von Theatercharakteren. "Diese im Buch komplexen und widersprüchlichen Figuren wirken auf der Bühne eigenwillig konturlos" – insgesamt seien Kimmigs "Ehen in Philippsburg" "ein gewissenhaft gearbeiteter Abend (...) mit manch starkem Bild, Wohlfühlmusik und charmanten Choreografien". Aber weder könne die Inszenierung Martin Walsers vielschichtigem Debüt gerecht werden noch mit einem eigens fürs Theater verfassten Stück mithalten.

 

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