Im Helikopter zu Helios

von Kornelius Friz

Plauen, 11. März 2017. Für ihren Göttergatten Iason, den Argonauten-Führer, hat Medea ihre Familie verraten und betrogen. Das Goldene Vlies haben sie ihrem Vater gestohlen und sich auf der Argo, einem sagenhaft schnellen Schiff, auf den Weg nach Korinth gemacht, wo sie zunächst Asyl finden. Nun muss und kann die "Medea", die Intendant Roland May am Theater Plauen/Zwickau auf Kiel gelegt hat, keine Argo sein. Und kleine Schiffe müssen sich, so der Volksmund, stets am Ufer halten. Diese Produktion lässt sich allerdings auch mit größter Mühe kaum aus dem Brackwasser der Vogtländer Weißen Elster bewegen.

Ziellos steuert die Inszenierung nämlich von Kreons Verbannung der Medea durch ihren drastischen Rachefeldzug, bis sie einen am Ende ausspuckt, ohne dass Euripides' Tragödie etwas abgetrotzt, etwas angeheftet oder etwas aufgesetzt werden konnte. Schlimmer noch: Die Figuren werden allesamt zwar eindimensional gezeichnet, dabei aber ausladend und pastos aufgetragen wie mit der Malerrolle. Das geht schon los mit der Amme (Julia Hell), einer völlig überdrehten Unterschichts-Schnepfe, die sich den Überdruss am Leiden ihrer Herrin wohl nicht einmal selbst abnimmt.

Fremdes Fühlen

Und dann entspannt sich schon das ermüdende Wechselspiel zwischen der von allen verlassenen Medea (Else Hennig) und dem Chor der korinthischen Frauen, der zumindest das größte Übel noch abzuwenden sucht. Das Tragische hierbei: Es ist kaum zu unterscheiden, wer von beiden stärker auffällt. Ist es die Medea, geschminkt wie die Tochter eines traurigen Clowns und einer Gothic-Braut, die ihre wütenden Vorwürfe immer wieder gleich hinausbellt, um anschließend, so gemein sind diese Männer!, ihren Unterkiefer vorzuschieben? Oder wird sie doch vom Chor übertrumpft, der unpräzise artikuliert und unter Umständen auch seinen Text vergisst. Noch unglücklicher als die teils undeutliche Sprechweise stechen jedoch die klischeehaften Tunten heraus, die May den männlichen Chorsprechern als korinthische Frauen durchgehen lässt.

Medea 3916 560 Peter Awtukowitsch uDer Chor und die Gothic-Braut (Else Hennig) © Peter Awtukowitsch

So plätschert die Tragödie also vor sich hin, ab und an taucht jemand neben Medea auf, für einen Dialog, zumeist aber zum lautstarken Zwist: Iason (Björn-Ole Blunck) etwa, der lakonisch behauptet, dass er auch ihr einen Gefallen damit täte, sie zu verlassen, um sich mit der Tochter von König Kreon zusammenzutun. Medea jedoch bleibt eine Fremde in dieser Welt. Schon als die Handlung einsetzt, ist sie eine Geflüchtete, und sie ist immer noch flüchtend, als sie dem Drama gen Sonne entsteigt. Fremd ist sie aber auch als Fühlende und vor allem als Frau und Mutter in einer Welt der Männer, die ihre Lust und Machtgier hinter rationalen Deutungsmustern verstecken wollen.

Schmerz am Schlagzeug

Die Übersetzung der Plauener "Medea" in die Jetztzeit ist gleich mehrfach missglückt. Zum einen wurde keine überzeugende, keine gegenwärtige Wutfrau erschaffen, der schlussendlich auch der Kindsmord zuzutrauen wäre. Zweitens wird der antike Text, Standard-Repertoire seit Jahrhunderten, durch die einfalls- und lustlose Inszenierung all seiner psychologischen Tiefe beraubt und zur vorhersehbaren Binse degradiert. Doch auch die Marken-Sonnenbrillen des Sprechchors und die grau-graue Neonröhrenbühne, die an Nichtorte wie Flughafen-Terminals erinnert, offenbaren, dass die Gegenwärtigkeit eher in der Oberfläche gesucht wurde. Um ein Symbol zu sein, sind die sterilen Stuhlreihen des Wartesaals zu bedeutungsoffen, und vor allem werden sie kaum bespielt.

Als das Stück, um im schiefen Bild zu bleiben, schließlich den Heimathafen ansteuert, kommt wenigstens einmal Bewegung in die pure Originaltext-Inszenierung. Iason darf auf ein Schlagzeug einhämmern und sich vor Schmerz um seine Kinder das Hemd vom Leib reißen. Hinter ihm wird die Klappe zu einem gefliesten Raum heruntergelassen. Darin eine blutverschmierte Wand und die blutverschmierte Medea, das Messer in ihrer Hand illustriert das Unzeigbare: den Mord an ihren eigenen Söhnen. Bezeichnenderweise bekommt Iason und nicht Medea den letzten Wutausbruch zugesprochen. Der Protagonistin wird indes für ihre erneute Flucht vom Sonnengott Helios ein Helikopter geschickt, und sie verschwindet im Licht. Leider schafft es auch die Schlussszene nicht, die Schotten richtig dichtzumachen. Fazit: Schiffbruch.

 

Medea
von Euripides
Regie: Roland May, Bühne: Oliver Kostecka, Kostüm: Luisa Lange, Dramaturgie: Maxi Ratzkowski.
Mit: Nadine Aßmann, Björn-Ole Blunck, Julia Hell, Else Hennig, Till Alexander Lang, Gilbert Mieroph, Peter Princz.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-plauen-zwickau.de

 

Kritikenrundschau

Mehr als Drastisches und Irritierendes im zwischenmenschlichen Nahbereich bietet diese "Medea" aus Roland Mays Sicht, schreibt Lutz Kirchner in der Freien Presse (13.3.2017). Die Verzweiflung von Menschen auf der Flucht, der Begriff "Heimat", werde ausgeleuchtet. May lasse ohne Pause in einem einzigen großen Handlungsbogen spielen. Wer das Recht auf seiner Seite habe, bleibe aber seltsam unentschieden. "Wer war Täter, wer Opfer, wer Monster, wer einfach nur Mensch? Gut und Böse - blieben nur Floskeln." Die, die hier auftreten, wollen leben, sicher und möglichst im Wohlstand. "Ihre Beweggründe wurden deutlich und nachvollziehbar in sorgfältig ausgeführter Rede und Gegenrede." Vieles aber verstöre in seiner Direktheit, gehe unter die Haut.

 

 

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