Faul sind wir und guter Hoffnung 

von André Mumot

Hannover, 12. Juni 2009. "Also ich bin Marleny, und das ist meine Minute in diesem Stück." Das Mädchen im Harlekinkostüm kommt lächelnd nach vorn, echauffiert sich dann ganz unvermittelt über "die momentane Lage" und drischt dabei mit einem Jonglierkegel wie wild auf eine der zahlreichen Holzkisten des Bühnenbilds ein.

Das ist sehr lustig anzusehen und anzuhören und klingt in etwa so: "Unser ganzes Wirtschaftssystem ist doch von Grund auf falsch, das zeigt sich ja jetzt, außerdem regnet es dauernd, und die Jugendlichen sollen alles wieder richten, das war ja schon immer so, und rote Rosen werden auch keine regnen!"

Das ist ein Ausbruch, der gerade deshalb so erfrischend wirkt, weil der größte Teil des Performance-Theaters an diesem Abend im Hannoverschen Ballhof recht sanft daherkommt. 16 Jugendliche sitzen im Dunkeln auf ihren Kisten oder versteckt hinter schiefen Wänden im Hintergrund. Einige von ihnen tragen einzelne Klangstäbe eines Glockenspiels bei sich, und wenn sie ihren jeweiligen Ton anschlagen, geht auch die Glühbirne über ihrem Kopf an.

Praktische Erfahrungen im Nichtstun

Manchmal rocken sie, manchmal singen sie Mozart, führen kleine Akrobatiknummern auf, die meiste Zeit kündigen sie aber nur an, was noch passieren soll und nicht passieren wird: "In der zweiten Minute des Stückes werde ich viereckige Löcher in die Luft starren." Oder: "In der fünften Minute des Stücks werde ich illegale Downloads machen." Und eines der Mädchen sagt: "In der zwanzigsten Minute werde ich die Welt retten, indem ich besser und höher singe als Mariah Carey."

Das Performance-Kollektiv "andcompany&Co" hat sich mit dem jungen Schauspiel Hannover zusammengetan und im Rahmen des "Theaterformen Festivals" ein "Projekt über Faulheit und Müßiggang mit Jugendlichen aus Hannover" durchgeführt. Gesucht und gefunden haben Nicola Nord, Alexander Karschina und Sascha Sulimma hierfür nach eigenen Angaben "junge Leute mit praktischen Erfahrungen im Nichtstun, qualifiziert in Müßiggang und Zeitvertreib." Diese schlecht beleumundeten Experten dürfen bei ihnen aber zu ganz großer Form auflaufen, zu Helden werden.

Anna Blume, ich habe diesmal kein Foto für dich

Wo immer "andcompany&Co" auftreten, sei es in Berlin, in Hamburg oder beim Steirischen Herbst in Graz – sie scheinen ein verzücktes Publikum zurückzulassen. Ihre "Ost-West-Trilogie" über die ideologischen Nachwehen des Kommunismus, deren letzter Teil "Mausoleum Buffo" Anfang dieses Jahres Premiere hatte, ließ auch Kritiker zu Verliebten werden. Und ihr Stück "SHOWTIME! Trial&Error" schließlich, Amalgam aus Hamletmaschine und Glücksrad, wurde jüngst von den Lesern dieser Seite auf den zweiten Platz ihrer eigenen Theatertreffen-Liste gewählt.

Vielleicht weil diese Performer, wie hier in Hannover, ein Zitate- und Assoziationsgestöber entfachen können, das so klug komponiert und so präzise choreographiert ist, dass es sich nie den Vorwurf gefallen lassen muss, beliebig und selbstgenügsam zu sein.

"Anna Blume, ich habe heute leider kein Foto für dich", heißt es in "City Circus Zero Work" einmal. Man hat sich nämlich gut auf den Ort des Geschehens eingeschossen, stützt sich auf Hannovers Dada-Ikone Kurt Schwitters und nimmt einige seiner Texte mit ins Popkultur-Boot. Der Effizienz- und Wettbewerbs- und Castingmanie unserer Krisenzeit wird so der freiheitsstiftende Unsinn des Dadaismus entgegengehalten – und der Zirkus als urtypischer Ort aller Spielereien, die nicht dem Nützlichkeitsdiktat unterworfen sind.

Einfach mal auf die Bühne kacken 

Die als Clowns, Dompteusen und Pinguine verkleideten Jugendlichen fordern in der Merzmanege "progressive Arbeitslosigkeit und Pflicht zur Faulheit" und greifen überhaupt gern zu deutlichen Worten: "Einfach mal auf die Bühne kacken und sagen, wenn was scheiße ist!" Große zweidimensionale Pappuhren und Zahnräder werden von ihnen in Bewegung gesetzt, aber auch wieder angehalten: Die Zeit darf gern auch rückwärts laufen und Arbeitsziele ad absurdum führen. Obama und Marx, Britney Spears und Paris Hilton, die als Pappkameraden und Identifikationsfiguren ebenso über die Bühne wandeln wie Paulchen Panther, scheinen dazu alle dieselbe Frage zu stellen: "Ist es wirklich schon so spät?"

Die Antwort lautet "Ja", denn schließlich kommt die Flut. Aber keine Panik bricht aus. Nun, wo die alte Ordnung untergegangen ist, singen alle gemeinsam doch noch "Für mich soll's rote Rosen regnen", bewegen sich pantomimisch schwimmend durch eine Unterwasserwelt und besteigen eine imaginäre Arche, die die Generation Youtube an neue Ufer bringen und einer neuen Evolution überlassen wird. Und das mit Glanz und Gloria. Denn zu diesem Finale marschiert auch noch das Jugendblasorchester des kleinen niedersächsischen Städtchens Seelze auf und bläst allen Defätismus fort.

Der verschreckten Weltuntergangsstimmung unserer Leistungsgesellschaft hält dieses Theaterkollektiv eine poetisch-warmherzige, aber eben doch ziemlich anarchische Kunstutopie entgegen. Wo das Nützliche versagt, triumphiert das Spiel. Wo die arrivierte Elite absäuft, singt die Jugend lässig und verträumt ihr Lied von der ehrlichen Faulheit, lächelt siegesgewiss und macht auch uns, wenigstens für den Moment, sehr glücklich damit.

City Circus Zero Work
Ein Projekt über Faulheit und Müßiggang mit Jugendlichen aus Hannover

Konzept, Regie, Musik: Nicola Nord, Alexander Karschnia, Sascha Sulimma&Co, Konzeptionelle Mitarbeit und Artistik: Svenja Dunkel&Co, Bühnenbild: Christine Bentele&Co Mit: Fabienne van der Velde, Okan Sahin, Marleny Calvo Garcia, Lilith Schön, Kiriakos Paraskevaidis, Luna Ali, Sezin Onay, Alexey Karasev, Felix Rumpf, Stas Boiko, Jonas Müller, Henrike Hehl, Christoph Winter, Svenja Remhof, Janine Hennig, Sabrina Rösler und dem JBO-YoungStars Seelze&Co.

www.andco.de
www.theaterformen.de

  

Kommentare  

#1 2009-06-14 20:20
andcompany&Co in Hannover: unlustiger Nachgeschmackholzauge
Warum da von Dadaitmus und Hannover die Rede ist, ist klar: irgendwie muss doch diese Sinnzusammhanglosigkeit legitimiert werden. Dass die jungen Menschen hier eher in ein Feld hineinmanövriert wurden, in dem sie nicht wirklich ihr Lebensgefühl vertreten, bleibt der bittere und somit unlustige Nachgeschmack der Posse.
#2 2009-06-16 01:44
andcompany&co in Hannover: sehr wohl gefühltWhiteFlag
Uhm...ich stimme holzauge nicht zu.
Ich bin einer der "Performer" in dem Stück und wir haben uns sehr wohl gefühlt...vorallem wurden die meisten Szenen durch Impros. mit uns entwickelt, so hat jeder sich so sehr reingesteigert wie er mochte.
Ich fand es toll, und wer es nicht mag, hat´s nicht verstanden =)
#3 2009-06-16 03:22
andcompany&co in Hannover: DADA des Hier und JetztFriedrich Merz
"Jugend gibt es zur jeder Zeit" ist eine der gesammelten "Banalitäten" von Kurt Schwitters und genau das scheint man sich zu Herzen, bzw. Merzen genommen zu haben, denn es geht eben nicht um den klassischen "Dadaismus", wie ein allzu wachsames Holzauge glaubt (und dabei auf einen eben solchen Weg zu führen versucht), sondern um das reale DADA des Hier&Jetzt - ob das nun der Regen der roten Rosen ist, der mit Heike Makatsch im Kino mitzuerleben war und von jungen Frauen genauso inbrünstig auf der Bühne gesungen wird wie es aus dem Publikum von älteren Damen zurückschallt oder eben der neoliberale Wahnsinn der Casting-Shows, der durch einen Pinguin-Catwalk ad absurdum geführt wird: DU BIST DADA! "Dumme ist klug ... Kluge bleibt dumm! (Nachdruck verboten!)"
#4 2009-06-16 17:55
andcompany&co in Hannover: kritisch+ lustig reflektiertthomas
ich finde gut, wenn die Erfahrungen kritisch und lustig reflektiert werden, besonders die aus den Medien in die wir alle sowieso irgendwann irgendwie rein müssen und uns dann mehr oder weniger andauernd aushalten. Da macht so was dann schon ein Stück weit spass und das andere Stück weit nachdenklich. So soll es ja wohl auch sein. toll !
#5 2009-06-16 19:40
andcompany&co in Hannover: bezaubernder fauler Zaubereboldt
Mich haben die jugendlichen Darsteller/Performer sehr beeindruckt, die gerade nicht pädagogisch "inszeniert wurden", sondern denen man abspürt, dass sie die Szenen selbst entwickelt haben, dass sie ihre Sprache (oder wahlverwandte) sprechen und sich in einem Raum bewegen, der der ihre ist. Die sich die obligaten Mittel von andcompany&Co. angeeignet haben, variiert und manipuliert. Die als hoch interessante, eigenwillige Performer dastehen, nicht als noch-zu-Werdende, "Coming of age"; und zugleich allerlei Wunderbarkeiten verzählen, die vielleicht nur im Theater-Zirkus verspielbar sind, die ein schwebendes Zwischenreich eröffnen aus Kindheit und Erwachsensein, ein Land der Möglichkeiten und zugleich des Müßiggangs in dem bereits Bestehenden: zukünftige Gegenwart. Sie schütteln dem Rauschen die Hand, hauen nicht den Lukas, sondern den Obama, pflegen ihre Kummerlangeweile wie nackte Tierchen und kündigen als faule Zauberer an: "Gleich kommt eine Seltsamkeit!" Das ist natürlich vollkommen untertrieben, es kommt nicht nur eine, und gerade fauler Zauber kann verdammt bezaubernd sein.
#6 2010-02-01 13:53
andcompany&co in Hannover: intensiv beteiligtInsa Lienemann
Das interessanteste Theaterstück, dass ich in 2009 gesehen habe! Ich war von Anfang bis Ende intensiv beteiligt und habe mich keine Minute gelangweilt.

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