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Hallo, Deutschland

von André Mumot

Göttingen, 12. März 2011. Und dann wird Peter Alexander auf die Bühne getragen. Klingt schlimmer als es ist, es handelt sich nämlich nur um einen Pappaufsteller, und einer der Schauspieler hat ihn sich unter den Arm geklemmt. Vorne aber steht ein anderer (Wojo van Brouwer) und liest einige der Worte vor, die Joachim Fuchsberger kürzlich zum Ableben des Entertainers eingefallen sind: "Ein Stück der guten alten Zeit ist tot. Eine Zeit, in der Tugenden wie Fleiß und Bescheidenheit nach dem schrecklichen Krieg die Motoren des Wiederaufbaus waren." Das ist ein ziemlich garstiger Moment, denn im Stück wird gerade ein Ex-Nazi und ewiger Opportunist begraben. Nein, so rosig waren sie dann doch nicht, jene 50er Jahre.

Nach ihrem Pandämonium Germanicum am Berliner HAU widmen sich andcompany&Co. im Deutschen Theater Göttingen nun erneut der deutschen Mentalitätsgeschichte – diesmal am Beispiel von Kurt Hoffmanns "Wir Wunderkinder". Das ist eigentlich keine schlechte Idee, denn nicht nur wurde dieser Film 1958 von der "Göttinger Filmaufbau GmbH" produziert, er schafft es zudem auch, in staunenswerter Kreisquadratur Vergangenheit gleichzeitig zu bewältigen und zu verdrängen. Der brave apolitischen Deutsche wird hier zum traurigen Helden und die Nazis zu flegelhaften Widerlingen, deren eigentliche Verbrechen so gut wie ungenannt bleiben. Aber Wolfgang Müller und Wolfgang Neuss sind mit von der Partie, und während das allzu Schmerzhafte ausgeblendet wird, geht es bei der Verhöhnung deutschen Mitläufertums doch mit einer Schärfe zur Sache, die im Weltfluchtkino jener Jahre ziemlich einzigartig ist. andcompany&Co. jedenfalls sind offenbar sehr angetan von ihrer Vorlage und übernehmen gerade am Anfang große Teile der Figuren und Dialoge.

Schwarz-rot-golder Rummelplatz

Das ist dann aber doch eine fatale Entscheidung, denn vor allem eins steht bald fest: Wojo van Brouwer ist kein Wolfgang Neuss. Wo dieser mit durchtrieben sarkastischer Arglosigkeit seine Entlarvungspointen setzte, wird van Brouwer zum servilen Conferencier, der offenbar vor allem sehr sympathisch wirken möchte. Immerhin schmettert er einige der kabarettistischen Chansons mit stimmlichem Nachdruck ins Mikrofon und gibt damit die Stichworte für Naziversammlungen, Aufmärsche und neckische Liebesszenen, bei denen die Schauspieler des Ensembles und drei Schauspielstudenten der Hochschule für Theater und Medien Hannover sehr aufgekratzt und albern ein symbolisches Gebäude rauf- und runterkraxlen, das über ein schwarzes, ein rotes und ein goldenes Stockwerk verfügt.

Es dauert eine ganze Weile, bis das verkrampfte Szenennachstellen einem freieren Assoziationstheater der Requisiten und Bilder Platz macht, das hin und wieder grandios ist im Grotesken: Ein Hitlerporträt wird als Frisierspiegel genutzt und die beschlagnahmten jüdischen Besitztümer für eine Dalli-Dalli-Raterunde. Stoffwürste und übergroße Plastikbananen gehen von Hand zu Hand, und Lutz Gebhard gibt mittendrin den Führer im Bunker, der zwar wiederholt daran erinnert werden muss, dass er nicht Bruno Ganz ist, auf jedes noch so banale Problem allerdings mit dem schnarrenden "Untergangs"-Satz antwortet: "Der Angriff Steiners wird das alles wieder in Ordnung bringen". Anja Schreiber tritt an die Rampe und beschwert sich darüber, dass die Inszenierung, durch die sie selbst hindurch muss, so postmodern und lustig ausfällt, und zwischendurch singen alle "O, mein Papa". Recht rührend sogar, weil all das Deutsche doch angeblich nur Zirkus ist und Rummelplatz, nur dass sich kaum Poesie einstellen mag und, was weit schlimmer ist: wenig Sinn für historische Zusammenhänge.

Revue der kaum genutzten Möglichkeiten

Das Projekt ist ehrgeizig, gerade dort, wo es sich vorgenommen hat, den großen Bogen, den der Hoffmann-Film von der Kaiserzeit bis in die 50er Jahre schlägt, bis in unsere Gegenwart auszudehnen. Dabei jedoch fällt dem Abend leider nichts Besseres ein, als exzessive Beliebigkeit zum künstlerischen Prinzip zu machen. In erschreckend geistlosen Kabarettfragmenten werden unter Kanzlerbildern Sprüche, Floskeln und Reizthemen akkumuliert. Da geht es in achselzuckender "Hallo Deutschland"-Gleichwertigkeit um RAF-Terror und Guttenberg, um Lena Meyer-Landrut und den Teuro, da sind wir in einem Atemzug Papst und Wutbürger, Fußballweltmeister und Altnazis. "Bananen für alle – sonst gibt's Krawalle", sagt einer, und ein anderer: "Der Führer ist ein armes Schwein, denn er hat keinen Führerschein."

Offenbar seufzen andcompany&Co eben doch den 50ern hinterher, jener Zeit von Neuss und Alexander, als man noch wusste, was man verdrängen wollte und was nicht. Heute, das will diese Revue der kaum genutzten Möglichkeiten vermutlich beklagen, ist in der Villa Schwarz-Rot-Gold alles eine Schlagzeile wert. Alles ist gleich, alles Gewäsch, und leider ist damit auch auf der Bühne am Ende alles egal.

 

Wunderkinder (UA)
von andcompany&Co.
Text: andcompany&co nach dem Film von Kurt Hoffmann, , Inszenierung, Kostüme, Musik: andcompany&Co., Alexander Karschina, Nicola Nord, Sascha Sulimma, Bühnenbild: Jan Brokof, Musikalische Mitarbeit: Hans Kaul, Dramaturgie: Lutz Keßler.
Mit: Florian Eppinger, Gerrit Neuhaus, Marie-Isabel Walke, Andreas Daniel Müller, Andrea Strube, Karl Miller, Helena Hentschel, Mirka Pigulla, Anja Schreiber, Nikolaus Kühn, Lutz Gebhardt, Wojo van Brouwer, Hans Kaul.

www.dt-goettingen.de

 

Mehr zu andcompany&Co.? Esther Boldt porträtierte die Off-Gruppe im September 2007. Gesammelte Nachtkritiken zu ihren Arbeiten finden Sie im nachtkritik-Lexikon.


Kritikenrundschau

Der Film "Wir Wunderkinder" beschreibe die Erlebnisse der Protagonisten Hans Boeckel in Deutschland von etwa 1920 bis nach dem Zweiten Weltkrieg; die Performer von andcompany&co "verlängern diesen Blick bis in die Gegenwart – und arbeiten dabei präzise und intelligent bemerkenswerte Kontinuitäten heraus", so urteilt Peter Krüger-Lenz im Göttinger Tageblatt (14.3.2011). Sie spinnen "das Geschehen fort über die Studentenrevolte und die RAF bis ins heute. Dabei setzten sie ein ganzes Arsenal theatralischer Mittel ein." Vieles klinge "nach Kabarett, in regelmäßigen Abständen stoppt das Geschehen, und die Akteure plaudern, debattieren und streiten über tagespolitische Themen. Revue und Musical bringen Unterhaltung." Die "auf Ensemblespiel" angelegte Arbeit schlage ein "rasantes Tempo" an. "Mehr als 100 Jahre Geschichte sollen schließlich in knapp 120 Minuten aufgearbeitet werden." Fazit: "Intellektuell und witzig, politisch und unterhaltsam. Paradox, aber wahr."

Erstaunlich und ungewöhlich sei es, wie nah andcompany&co an der Vorlage blieben, meint Michael Laages im Deutschlandfunk (13.3.2011). Das deutsche Doppelwesen aus Gangster und Gutmensch "verlängern die 'andcompany'-Macher herüber in mancherlei Gegenwarten, basteln Bilder vom 'deutschen Herbst' der terroristischen 70er-Jahre mit ins Spiel und den Mauerfall ein lächerliches kurzes Jahrzehnt später" – eine klug dosierte Kabarett-Revue. "Natürlich bleibt die 'andcompany' bei aller Nähe zum Material ein freies Ensemble und polemisiert – zuweilen ein wenig zu dekorativ – gegen die beamtenhafte Sicherheit des deutschen Stadttheaterbetriebs, besonders wenn es um die allgegenwärtige Hitler-Präsenz geht in der 'Wunderkinder'-Story. Aber nie bricht der freche schnelle Abend unter Theorie zusammen und erobert stattdessen ein feines, kleines Stadttheater mit der Geschichte eines großen deutschen Films."



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