altVorsprechen, nachsprechen, widersprechen

von Jens Fischer

Oldenburg, 23. Februar 2012. "Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, soll'n aufstehn", sangen die Bots zur kuschelrevolutionären Animation auf Kundgebungen politisch-moralisch aufgewühlter Menschen. Und genauso herzig naiv, aber ironisch unterfüttert wird von einem Ensemble Amsterdamer, Berliner und Oldenburger Schauspieler/Musiker in Oldenburg "Der (kommende) Aufstand" beschworen. Aufstand bedeutet aufstehen – und mitklatschen. Das Publikum spielt brav amüsiert seine Rolle. Und beendet mit dem Song auch seinen Aufstand. Es wird wieder Platz genommen. Castor-Transporte-Behinderer, Wutbürger made in Stuttgart, Occupy-Camper, Auto-Anzünder – war da was, kommt da noch was? Aufstand 2012: Wie muss der Zwang der Umstände aussehen, um einer Empörung nachhaltiges Engagement folgen zu lassen?

Diskurs-Balgerei
andcompany&Co. gingen diesen Fragen nach und entdeckten bei niederländischen Performance-Kollegen entsprechende Regungen, da die regierenden Rechtspopulisten dort die Produktionshäuser für den Nachwuchs der dramatischen Künste schließen und Unterstützung für freie Compagnien radikal kürzen wollen. Der "Opstand" wurde ausgerufen und auch gleich zum Motto des 3. Oldenburger Festivals Go West – Theater aus Flandern und den Niederlanden erklärt. Zur Eröffnung rekrutierten die Berliner Assoziationsakrobaten quer durch die Kriegsgeschichte der Menschheit ihre geistig Verbündeten in Sachen Aufstand und gruppieren ihre Rechercheergebnisse als Textgeflecht um eine Revolte mit historisch weit reichenden Folgen. Die Diskurs-Balgerei beginnt 1568, als niederländische Freiheitskämpfer, die Geusen, in Bettler-Uniformen gegen die spanische Okkupation rebellieren. 80 Jahre später triumphieren sie, was wiederum 220 Jahre später gefeiert wird von Goethe im "Egmont" und Schiller im "Don Karlos" sowie in seiner "Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande". So eröffnen sich weniger Echoräume, sondern gleich stattliche Echosäle.

Anmaßende Kurzschlüsse
Zurück nach Holland. Kritisiert wurde dort, Theaterkünstler "stehen mit dem Rücken zum Publikum und zu häufig mit geöffnetem Geldbeutel Richtung Den Haag gewendet" (Zitat aus dem Programmheft). Im Prolog der Inszenierung stehen die Darsteller daher in ärmlichen Geusen-Kostümen mit dem Rücken zur (Bühnenbild-)Wand, vis-à-vis zum Publikum, sprechen so chorisch gekonnt wie sympathiebuhlend freundlich nach, was ein Vorsprecher ihnen an aktuellen, historischen, literarischen Aufstandsmaterialien zum Nachsingen vorgibt. Der Schulterschluss über 444 Jahre ist natürlich ein anmaßender Kurzschluss, die Parallelisierung des Kampfes gegen die an Massakern reiche, von der Inquisition befeuerte Fremdherrschaft zum Kampf gegen Subventionskürzungen im Kulturbereich funktioniert so einfach nicht.

aufstand5 560 hans joerg michel uAufstand proben mit andcompany&Co. © Hans Jörg MichelDann wird alles gleich wieder gebrochen: Der "Opstand" endet auf der Bühne mit Hinsetzen – auf Pappmaché-Eier, um nun wirklich einen tollen Aufstand auszubrüten. Klappt aber nicht. Dafür gibt's "Don Karlos"-Parodie, Politsatire, Marxismus-Comic als Ökonomie-Grundkurs. Und es sprudeln mit improvisiert wirkender Leichtigkeit endlos Anregungen zum Aufstehen hervor. Auch Fragmente eines Manifestes erklingen, das schon in Albert Ostermaiers Stück "Aufstand" Premiere auf deutschen Bühnen feierte: "Der kommende Aufstand". andcompany&Co. nutzen die Streitschrift wider den globalisierten Kapitalismus, um einen weiteren Kampfschauplatz des Aufstandes vorzustellen. Wenn das lustige Kommunardendasein als Alternative zum entfremdeten Leben angepriesen wird, heißt es: "Im Tod des Paares sehen wir aufregende Formen kollektiver Affektivität entstehen ..."

Aufstand der Gedanken
Und so geht es immer weiter: vorsprechen, nachsprechen, widersprechen. Genutzt werden Gedanken-, Rede- und Versammlungsfreiheit. Gemixt wird kreuz und quer. Und alles musikalisch rhythmisiert in Sounds gebettet. Ästhetische Brüche, gedankliche Sprünge, inhaltlich verjuxte Verknotungen: Ein Aufstand der Gedanken, derart temporeich serviert, dass das Warum und Wohin nicht zu erkennen ist.

Mit zehn weiteren Produktionen gibt "Go West" bis 26. Februar Beispiele für den Reichtum einer Theaterlandschaft, die auch deutsche Bühnen immer wieder inspiriert (Luk Perceval, Johan Simons, Geradjan Rijnders, Ivo van Hove ...). Sieben Inszenierungen sind als Gastspiele zu erleben, die anderen als künstlerische Ergebnisse einer auch außerhalb des Festivals intensiv betriebenen Kooperation des Oldenburgischen Staatstheaters mit belgischen und niederländischen Theatergruppen. So entstand das Kinderstück "Waldlinge" mit dem Genter Theater Kopergietry. Und der Oldenburger Chefchoreograph Guy Weizman kreierte unlängst "Mirage" mit dem Oldenburger Tanzensemble und seiner eigenen Compagnie Club Guy and Roni, die in Groningen ansässig ist.

Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller (UA)
Eine Produktion von andcompany&Co., Oldenburgischem Staatstheater und Frascati Amsterdam
Realisation: andcompany&Co. mit Joachim Robbrecht, Text: Alexander Karschnia, Nicola Nord, Joachim Robbrecht and Co. nach Friedrich Schiller, Konzept und Inszenierung: andcompany&Co., Bühne: Jan Brokof and Co., Kostüme: Lisa Maline Busse, Musik: Sascha Sulimma and Co., Licht: Gregor Knüppel and Co., Dramaturgie: Alexander Karschnia / Jörg Vorhaben.
Mit: Rüdiger Hauffe, Reinier van Houdt, Alexander Karschnia, Simon Lenski, Joachim Robbrecht, Hartmut Schories, Sascha Sulimma, Vincent van der Valk, Ward Weemhoff.

Festival Go West – Theater aus Flandern und den Niederlanden

 

Kritikenrundschau

Ebenso ambitioniert wie merkwürdig altmodisch findet Hartmut Krug in der Sendung "Kultur heute" beim Deutschlandradio (24.2. 2012) diesen Abend, den er gelegentlich auch "auf das Niveau von ranziger Avantgarde" sinken sieht. Als Zuschauer fühlte er sich nicht zum Denken sondern zum Raten angeregt: "Woher stammt das jeweilige Zitat, zu dem die Schauspieler oft handgemachte Musik spielen, wie zu Anfang." Alles, was zum Reizwort "Aufstand" im Probenprozess angedacht worden sei, so der Verdacht des Kritikers, werde vorgetragen. "Aber weniger gespielt als gesprochen, nicht weitergedacht, sondern ohne merkbare dramaturgische Kontrolle einfach dazu montiert." Das Publikum werde u.a. dazu animiert, die Gesten nachmachen, "die die Occupy-Bewegung als eingreifende Kommentare bei Reden in Madrid erfunden habbe. All das nervt in seiner Redundanz und Penetranz bald. Es ist eben nur ein Einfall für Schmunzeltheater ohne szenische Kraft." Auf die grundsätzliche Frage nach dem Aufstand gebe der Abend keine Antwort.

Die "andcompany" markierten "einmal mehr einen Spiel-Stil, der quer und widerständig zu konventionellen Theaterformen steht", so Michael Laages auf Deutschlandradio Kultur (23.2.2012). "Und in den besseren Momenten entsteht sogar ein Theater aus und mit eigener, stilbildender Energie."

"Roter Faden? Fehlanzeige. Handlung? Allenfalls in Spuren," stellt Regina Jerichow in der Oldenburger Nordwest-Zeitung (25.2.2012) fest. Dabei habe der "verquaste" Abend eine Botschaft, "obendrein eine politische. Nur versteht sie keiner." Was aus Sicht der Kritikerin nicht an Sprachproblemen liegt, sondern daran, dass die Inszenierung gar nicht vorhabe, "irgendeine Geschichte auf der putzigen Guckkasten-Bühne zu erzählen, die nichts weniger als das spanische Klosterschloss El Escorial darstellen soll." Stattdessen werde das "wirre Szenario" noch mit einem weiteren Traktat und noch mehr Zitaten gemixt. Unvermittelt werde immer wieder der Bogen in die Gegenwart geschlagen. Themen wie Banken- und Eurokrise, Staatsbankrotte, Raubtierkapitalismus und Occupy-Bewegung werden in Fragmenten angekratzt – "mit allerlei albernen Aufsetzern". Weshalb einer der Darsteller in Holzpantinen, aber ohne Unterhose durch die Publikumsreihen geht und agitiert, bleibt für die Kritikerin ebenfalls ein Geheimnis der Inszenierung."

"Ist auch nicht ganz Holland in Not, so doch seine Künstler", schreibt Stefan Grund in der Welt (1.3.2012). Mit Anspielungen auf ein Zitat des ungeliebten Regierungschefs geize das Ensemble aus neun Männern nicht und übe mit dem Publikum Lösch-Chöre. "Dass aus dem bunten Performance-Spektakel in der kreativen Klapp-Palastbühne von Philipp dem Zwoten kein langweiliger Protestabend, sondern eine quicklebendig zwischen Klassik und Comedy changierende Inszenierung wird, ist dem fruchtbaren Spannungsverhältnis zwischen hoher Sprech- und Schauspielkunst der Staatsschauspieler und dem direkten Spielstil der Akteure der freien Szene zu danken."

 

 

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