Im Land der krachenden Gartenzwerge

von Andreas Schnell

Bremen, 7. Februar 2014. Dass dieses Projekt dem manchmal wohlfeil wirkenden Gedanken geschuldet wäre, das Publikum mit der Bühnenfassung eines erfolgreichen Films zu einem erfolgreichen Buch zu locken, lässt sich wirklich nicht behaupten. Den Stoff, den Oskar Roehler in seinem Roman "Herkunft" und später in dem Film "Quellen des Lebens" ausgebreitet hat, hat schon sein Autor selbst kaum in den Griff bekommen – auch weil es eben keineswegs "ein Stoff" ist, sondern, erstens, eine Zeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland mit Nazi-Opas, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Studentenrevolte, dem geteilten Berlin. Zweitens eine Familiensaga mitsamt zornbebender Abrechnung mit den eigenen Eltern, wovon das Kreisen um die eigenen Traumata und der Versuch, "endlich zu leben", wiederum ein eigenes Buch wäre.

Frank Abt, der – zumindest in Bremen – bislang nur Weihnachtsmärchen inszeniert hat, fiel es zu, diesen wenig märchenhaften Stoff auf die Bühne zu stemmen. In einem kargen Bühnenraum, der von einer bis zur Decke ragenden Holzwand und ein paar schlichten langen Holzbänken dominiert wird, seziert er Roehlers Roman in dreieinhalb Stunden. Auch wenn Abt weiß, dass sich das Geschehen vom geschichtlichen Kontext gar nicht trennen lässt, kommen dabei Dinge wie die RAF-Nähe des Vaters, die DKP-Zugehörigkeit der Mutter, die faschistische Gesinnung des Großvaters eher beiläufig vor.

Literatenehe (wild)

Wenn schon kein Märchen, so hat es doch einen Erzähler: Mathieu Svetchine gibt ihn anfänglich, schafft die Zusammenhänge zwischen den Szenen, später wechselt er in die Ich-Perspektive und wird so zu Robert Freytag, also zu Roehlers Alter Ego, was in etwa der Struktur des Romans entspricht. Später – hier lässt Abt auch die anderen Figuren Teile der Narration übernehmen – gibt es einen weiteren Bruch, Zeitebenen verschieben sich ineinander, die Chronologie wird aufgehoben.Herkunft1 560 JoergLandsberg uLisa Guth, Claudius Franz und ein paar zerberstende Gartenzwerge © Jörg Landsberg

Im längeren ersten Teil, sacht mit Klaviertupfern punktiert, geht es dabei noch recht gemächlich zu, die familiären Auseinandersetzungen, gleichwohl von durchaus existenzieller Schwere, werden ohne viel Geschrei ausgetragen, beispielhaft steht dafür der spät aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende Großvater Erich Freytag, den Alexander Swoboda als wortkargen, körperlich gebrochenen Mann mit gleichwohl ungebrochenem Arbeitsethos präzise skizziert, der – ausgerechnet – eine Gartenzwergfabrik aufzieht.

Die Liebesgeschichte von Rolf Freytag und Nora Ode, dem Literatenpaar Klaus Roehler und Gisela Elsner nachgebildet, bringt dann schon eine deutlich verschärfte Dynamik mit sich: der Ausbruch gegen das Spießertum der Eltern, die ungewollte Schwangerschaft, die wilde Ehe und die damit einhergehende materielle Not sowie die bereits in Roehlers Roman grotesk überzogene Egozentrik vor allem Noras erzeugen Spannungen, die sich krachend entladen – wobei natürlich auch jede Menge Gartenzwerge draufgehen müssen.

Heimchen und Fiesling

Robert Freytag ist hier längst nicht mehr der unaufgeregte, mitfühlende Erzähler. Wie Svetchine hier die Wunden porträtiert, die seelischen Verkrüppelungen zeigt, die Roberts Leben als unerwünschtes, immer wieder zwischen den beiden Großelternpaaren und dem Vater verschobene Kind prägen, um am Ende in einem furiosen Monolog die große Frage hinauszuschreien, was denn schwerer wiege, sein "Gehirnschaden (...) oder jene winzige, intakte Teil, der noch offen ist" –  das ist beeindruckend.

Wie überhaupt das Ensemble überzeugt. Susanne Schrader modelliert die grundverschiedenen Großmütter heraus, die eine eher Heimchen am Herd, die andere gnadenlose Aufsteigerin. Robin Sondermann ist für das dankbare Fiesling-Fach zuständig und schlägt bisweilen glänzend Funken aus dem Material. Und Nadine Geyersbach, die hier diejenigen Frauen spielt, die in dem männlichen Selbstverwirklichungsfuror stets den Kürzeren ziehen, gestaltet ihre Rollen mit mal kindlicher Verlorenheit, mal burschikoser Entschlossenheit.

Die schauspielerischen Leistungen tragen so über manche Länge hinweg – die Stückfassung hätte durchaus noch ein paar Striche vertragen – und machen aus dem Großprojekt "Herkunft" schließlich einen spannenden, einen beachtlichen Theaterabend.

 

Herkunft
nach dem Roman von Oskar Roehler
Regie: Frank Abt, Ausstattung: Susanne Schuboth, Musik: Moritz Krämer, Dramaturgie: Viktorie Knotkova.
Mit: Matthieu Svetchine, Alexander Swoboda, Susanne Schrader, Claudius Franz, Nadine Geyersbach, Lisa Guth, Robin Sondermann, Gabriele Möller-Lukasz, Asavela Gabrieli.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

Auf der Website des Bremer Weser Kuriers (9.2.2014) schreibt Hendrik Werner: Der Roman Roehlers, "eine Vita aus Albträumen, von Generation zu Generation weitergereicht in Gestalt unbewusster Symptome, Ängste, Fantasien, Begierden, Deformationen", sei deshalb "so singulär, weil ihm Wegmarken und Personen eingeschrieben sind, die die deutsche Geistesgeschichte nach 1945 geprägt haben". Die Stückfassung, "insgesamt schlüssig", lasse den intellektuellen Hintergrund teils außen vor; ohne "Mut zur Lücke" sei diese Leidensgeschichte nicht abzubilden. Die Schauspieler böten eine "geschlossen ansehnliche Ensembleleistung". Besonders beeindruckend sei Matthieu Svetchines zerrissener Robert-Oskar. Lisa Guth als Mutter meistere diesen "Hardcore-Part bravourös". "Man hätte der textreichen und lohnenden Inszenierung noch ein paar eindringliche Bilder mehr gewünscht … Großer Beifall für einen gelungenen Abend."

Der Text packe den Zuschauer sofort "wegen seiner Schonungslosigkeit", schreibt Thomas Joerdens in der Nordseezeitung (9.2.2014), "und weil er keinen Moment um Mitleid heischt. Den spannenden Bericht ergänzen kurze Spielszenen auf der kargen Bühne." Regisseur Frank Abt halte sich dabei an die Romanvorlage und spinne "den Erzählfaden über drei Generationen in Deutschland."

Johannes Bruggaier bescheinigt in der Kreiszeitung (10.2.2014) der Regie eine schlüssige Erklärung für die Notwendigkeit dieser Bühnenadaption, besonders im ersten Teil. Denn was im subjektiven Nacheinander von Oskar Roehlers Romanerzählung verborgen bleibe, zeige sich dem distanzierten Blick auf das Bühnengeschehen umso deutlicher. Auch schauspielerisch werde der Stoff "über weite Strecken auf hohem Niveau" interpretiert.

Es sei "dann doch ein toller Schauspielabend gewesen", schreibt Benno Schirrmeister in der taz (11.2.2014), wobei es "auch einiges zu nörgeln gibt". Die Überlänge und die Kinderrollen machen dem Kritiker zu schaffen und auch die einfache Erkenntnis: "Dass es ein Kind nicht richtig gut hat, wenn es zwischen zwei sauf- und fickfreudigen Halb-Genies aufwächst, deren Ehe mit seiner Geburt ins Stadium eines Stellungskrieges übergeht, ist rasch kapiert." Fasziniert zeigt sich der Kritiker demgegenüber von der SchauspielerInnenleistung und von einem dramaturgischen Coup: Das Team habe mit "klugem Griff das Romanhafte dieser Autobioprosa, die Reflexion, nicht gelöscht, sondern auf die Bühne geholt: Das Erinnern, das Wiederholen, das Durcharbeiten – verkörpert Matthieu Svetchine."

Mit der "Sympathie eines Unbeteiligten" habe Frank Abt Roehlers Werk inszeniert, schreibt Till Briegleb in einer Kurzkritik für die Süddeutsche Zeitung (13.2.2014). Abt führe den Protagonisten "pfleglich und treu durch die Episoden enttäuschter Liebe, die Roehler ihm vorgelegt hat. Dem ist durchaus interessiert zu folgen, aber mangels eigener Anschauung bleibt es am Ende doch nur der dritte Aufguss echter Bitterkeit. Und das ist in Zeiten von Film-Downloads eine sehr schwache Konkurrenz."

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